Berlin : Zwerchfell-Initiative: Kichern, bis die Tränen kullern

Steffi Bey

Wenn sich ein Chor den Namen "Krumm und schief" gibt, muss das schon einen besonderen Grund haben. Aber die Bezeichnung könnte treffender nicht sein. Denn die zehn Leute, die alle 14 Tage in ein Wilmersdorfer Büro zur Probe kommen, lachen sich dabei jedes Mal krumm und schief. Sie treiben es bis auf die Spitze. Sie wiehern und kreischen, bis ihnen die Augen tränen, und dann klopfen sie sich auf die Schenkel. Das geht zwei bis drei Stunden so. Meistens entstehen die Zwerchfell-Attacken beim Einüben des Repertoires: Volila - Volksliedlachen - nennen die Mitglieder des wohl einzigen Lach-Chors der Welt ihre Übungen.

Zu den Lieblingsstücken gehört "Ein Jäger aus Kurpfalz". "Da stimmt der Rhythmus", sagt Heidi Biegel und konzentriert sich auf das "Haha haha haha....". Das ist der einzige "Text", den die Sänger beherrschen müssen. Während sich Frau Biegel große Mühe gibt, den Takt zu halten, wird sie von ihren beiden Nebenmännern lautstark übertroffen. Wie zwei Streithähne stehen sie sich gegenüber. Immer kräftiger wird das "Haha", immer intensiver. Bis es aus beiden nur noch so herausplatzt. Aus ihrem künstlichen Gesang ist plötzlich ein echtes Lachen geworden: Unmelodisch, aber ansteckend. Und anstrengend: Dem 79-jährigen Ernst-Reinhard Brandes stehen Schweißperlen auf dem geröteten Gesicht. Wie immer nach so einem harten Training wird er auch dieses Mal mit Bauchdrücken und Muskelkater nach Hause fahren. "Ich lache für mein Leben gern, und gemeinsam macht das eben den meisten Spaß", sagt der rüstige Rentner.

Genauso sehen das die anderen Chormitglieder. Dass sie sich zusammengefunden haben, ist Thomas Draeger zu verdanken. Der Berliner Filmproduzent hatte vor zwei Jahren die Idee, eine Lach-CD aufzunehmen. Per Annonce suchte er damals "naturbegabte Lachkanonen". Mehr als 80 "alberne Menschen" meldeten sich daraufhin: Lehrer, Sozialarbeiter, Apotheker, Büroangestellte, Rentner. Draeger war überrascht. Doch er wollte ganz besondere Lacher finden: "Die differenzierten", sagt er. "Nicht solche, die nur das typische Witze-Lachen drauf haben." Denn dieses kurze, kräftige Wiehern, auch Ablachquicki genannt, sei auf die Dauer langweilig. Also sortierte er aus, bis letztlich 15 übrig blieben. "Das sind Leute, die um des Lachens Willen lachen", sagt Draeger. Sie beherrschen das "gemeine Ablachen" genauso wie das "fröhliche" und das "freie". Die CD ist inzwischen auf dem Markt und soll zur Entspannung durch Seelen- und Zwerchfellmassage dienen, wie auf dem Cover steht. "Sie ist für diejenigen gedacht, die den Mut verloren haben, den Tag mit einem Lächeln zu beginnen", sagt Draeger. Der 59-Jährige meint, dass die moderne Gesellschaft einen enormen Lachbedarf hat. "Die kleinen Problemchen des Alltags machen uns mürbe, wir fühlen uns ausgelaugt, gestresst, wir planen nur noch, und dabei geht irgendwie die Lebendigkeit verloren", macht der Filmproduzent deutlich. Er selbst hatte vor ein paar Jahren den Bezug zur Gegenwart verloren, ihn aber jetzt, durch die intensive Beschäftigung mit dem Lachen wiedergefunden. Aus dem todernsten Geschäftsmann Draeger ist ein anderer Mensch geworden. Einer, der viel häufiger lacht als früher und vor allem einer, der ein ganz anderes Wahrnehmungsempfinden bekommen hat. "Über eine lange Schlange im Supermarkt ärgere ich mich heute nicht mehr, denn auch an dieser Situation gibt es immer etwas Ulkiges zu entdecken", sagt er.

Das Kuriose an Draegers Initiative ist wohl, dass er noch vor zwei Jahren ernsthaft annahm, er sei der Erste, der sich professionell mit dem Lachen beschäftigt. Doch er wurde eines Besseren belehrt: Bereits 1997 gründete der indische Arzt Dr. Madan Kataria den ersten Lachclub seines Landes. Humor als Therapie - von dieser Intension ist Draeger überzeugt. Er sucht deshalb Kliniken, die seine CD den Genesenden am Krankenbett zur Verfügung stellen. Und dann hat er noch einen ernst zu nehmenden Vorschlag: Er will einen berlinweiten Lach-Tag initiieren. Für diesen ersten öffentlichen Auftritt überlegt sich der Chor gerade ein paar Volila-Interpretationen.

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