Berlin : Zwischen Bronx und Buckow

Berlins Wahlkreise – Folge 5: Multikulti, Kleinbürger, Problemkinder. Neukölln ist Berlins Schmelztiegel

Marc Neller

Wer Neukölln sagt, meint meist den dicht besiedelten Norden. Der meint die „Bronx Berlins“, wie ein Magazin ätzte, jedenfalls das Armenhaus der Stadt. Den Bezirk mit der höchsten Arbeitslosenquote. Und hier ausgerechnet stehen zwei Vorzeigemodelle des alten West-Berlin zur Wahl. Zwei Silberrücken aus der Zeit der großen Koalition: Eberhard Diepgen, der Dauerbürgermeister a. D. tritt für die CDU an. Und Ditmar Staffelt, einst Fraktions- und Landeschef der Berliner SPD, heute Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Die anderen Direktkandidaten sind nach Ansicht der Wahlforscher in diesem Duell nur Statisten.

Für Diepgen und Staffelt geht es um alles. Sie sind nicht oder dürftig auf den Landeslisten ihrer Parteien abgesichert. Dass Diepgen sich gute Chancen ausrechnen darf, Staffelt dessen Direktmandat abzujagen, liegt daran, dass es auch in Neukölln nicht nur einen Norden gibt. Und dass der Süden eine Art Gegenentwurf zum Norden ist: Britz mit seinen Kleingärten und Bruno Tauts Hufeisensiedlung. Die von Ein- und Mehrfamilienhäusern geprägten Ortsteile Rudow und Buckow, kurz: das bürgerliche Neukölln. In diesem Milieu ist die CDU regelmäßig die stärkste Partei, während in den traditionellen Arbeitervierteln im Norden eher die Sozialdemokraten gewählt werden. Oder die Grünen. Denn im Norden wohnen etliche Studenten.

Unterm Strich ergab das bei den letzten Wahlen Siege für die SPD und ihren Direktkandidaten, mit schrumpfendem Vorsprung allerdings. Bei der Wahl im Jahr 2002 verlor die SPD 5,8 Prozentpunkte und lag bei 36,3 Prozent, während die CDU auf 33,8 Prozent kam (plus 5,1).

Allerdings ist bei dieser Wahl der Süden ohne den Norden nicht zu haben, nicht ohne die gravierenden Probleme also: letzte Plätze im Sozialstrukturatlas, führend bei den Privatinsolvenzen. Jeder vierte Neuköllner ist arbeitslos. Und zu den Fallmanagern in einem der größten Jobcenter Deutschlands kommen viele Jugendliche. Männer und Frauen unter 25 Jahren, oft ohne Schulabschluss, dafür mit einer Reihe von Problemen: Drogen, Kriminalität. Viele haben Kinder, obwohl sie selbst fast noch Kinder sind.

Weil das alles so ist, steigt die Armut statt abzunehmen, und die Polizei hat gut zu tun, um die Kriminalität einigermaßen im Griff zu behalten. Und vor allem: Die Integration funktioniert nicht in diesem Bezirk, in dem jeder dritte Einwohner Ausländer ist. In Vierteln wie dem Reuterkiez liegt der Anteil bei 40 bis 50 Prozent. SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky nahm im vergangenen Jahr den Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh zum Anlass, unmissverständlich zu sagen, dass der Traum von der Multikulti-Gesellschaft ausgeträumt sei. Er hat damit an ein Tabu gerührt und ein bundesweites Echo erzeugt. Und vor ein paar Wochen erst forderte Buschkowskys Stellvertreterin, Stefanie Vogelsang von der CDU, Ausländer, die sich nicht ausreichend um Sprachkurse mühten, notfalls auszuweisen.

Arbeitslosigkeit und Integration: diese Themen werden auch den Wahlkampf in Neukölln dominieren. Kurios ist, dass hier das Geld am dringendsten fehlt, das durch den Berliner Größenwahn der 90er Jahre verschleudert wurde. Also auch unter Diepgen und Staffelt.

Staffelt und die Seinen setzen wie die Bundes-SPD besonders darauf, dass Arbeitslose die Sozialdemokraten im Vergleich mit der CDU als die sozial gerechtere Partei ansehen. Er könnte – als Regierungsvertreter – die Wut der Leute auf Hartz IV zu spüren bekommen. Der Bundestrend spricht gegen ihn. Das hat ihn schon innerhalb seiner Partei einen besseren Listenplatz gekostet.

Diepgen dagegen vertraut vor allem darauf, dass man sein Gesicht noch immer kennt. Und er baut auf Wertekonservatismus. Es gehört zu den eigenartigen Facetten dieses Wahlkampfduells, dass er die entscheidenden Prozente im Multikultibezirk Neukölln gewinnen könnte. Obwohl seine Partei den EU-Beitritt der Türkei ablehnt, trotz seiner eigenen harten Position zur Zuwanderung. Denn viele Migranten pflegen einen geradezu beispielhaft konservativen Lebensentwurf.

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