Zwischen fünf und sechs : Berlin am Morgen: Schwarz zu blau

Ein Förster will ein Wildschwein erlegen, ein Radiomoderator ist bereits bester Laune und im „Bierbaum 1“ suchen junge Leute ihr letztes Geld: eine Reise durch das erwachende Berlin, jetzt vollständig online.

Karl Grünberg
Jetzt geht's los: Berlin erwacht.
Jetzt geht's los: Berlin erwacht.Foto: Getty Images/iStockphoto

Berlin, bei dir ist immer Musike. Nie stehste still. Nie schläfste. Deine Bude ist immer voll, immer ist Party und immer führst du deine täglichen Dramen auf: 105 Geburten, 94 Tote, 18 Scheidungen, 1650 Straftaten und 377 Verkehrsunfälle. Tagein. Tagaus. Von morgens bis abends. Im ewigen Berliner Kreislauf. Immer hektisch, immer atemlos, immer gleich. Oder?

Es gibt einen Zeitpunkt, eine Stunde, einen Moment geschäftiger Stille, da wechselt das Bühnenpersonal der Stadt. Es ist die Zeit, in der die Nacht langsam vergeht, der Tag sich müde erhebt, in der – nicht zu jeder Jahreszeit wortwörtlich, aber immer gefühlt – „Schwarz zu blau“ wird, wovon schon Peter Fox sang: „Guten Morgen Berlin, du kannst so schön hässlich sein, so grässlich und grau...“ 2009 war das.

Berlin. Morgens. Zwischen fünf und sechs.

Das ist, wenn der erste Kaffee auf das letzte Bier und das erste Croissant auf den letzten Döner trifft. Wenn der Blaumann neben der Partyleiche auf den Bus wartet. Wenn die Beats aus den Keller-Clubs auf die nassen Bürgersteige fallen und in den Pfützen ertrinken. Wenn Herrchen mit der Jacke über dem Schlafanzug vom Hund nach draußen in die Dunkelheit gezerrt wird, an den Zaun, wo sich noch kurz zuvor ein Nachtschwärmer erleichtert hat. Pinkel-Time.

Morgens zwischen fünf und sechs: Drei Polizisten der Wache 23 in Spandau fahren auf die letzte Streife ihrer Nachtschicht. Förster Andreas Constien sucht mit Wärmebildkamera und Jagdgewehr nach Grunewalder Wildschweinen. Die Morgenshows der Radiostationen verteilen ihre gute Laune über die Stadt. Bäcker füllen riesige Teigmassen in Brotformen und Konditoren übergießen Mandelkuchen mit Honig. Und Peter öffnet seine Augen.

1. DER OBDACHLOSE

Aufstehzeit. Peter, der Obdachlose, packt seine Isomatte ein.
Aufstehzeit. Peter, der Obdachlose, packt seine Isomatte ein.Foto: Karl Grünberg

Genauer gesagt: Peter versucht, seine Augen zu öffnen. Sie kleben und grienen an den Ecken. Hier, Peter, ein Kaffee! Peter streckt sich. Peter grummelt. Peter ist wach und schaut missmutig in die stille Dunkelheit. Dann piept seine Armbanduhr. Fünf Uhr. Peter muss aufstehen. In Bewegung bleiben. Hauseingänge wie der an der Karl-Marx-Straße in Neukölln sind für ein paar Stunden gut, doch ab fünf Uhr erwacht die Stadt. Also muss auch Peter los, bevor es Ärger gibt, bevor ihn jemand entdeckt. „Unsichtbar bleiben, das kann der Peter gut“, sagt Peter über Peter. Er nimmt den Kaffee, hängt seine Nase rein, zieht eine Pulle Goldbrand aus der Jacke, kippt einen Schluck davon in den Becher, schlürft, verzieht das Gesicht und lächelt.

Peter ist einer von geschätzten 3000 bis 6000 Obdachlosen in Berlin. Nachts, wenn die Straßen leerer sind, fallen sie noch einmal mehr auf. Einer sitzt in seinen Rollstuhl gekauert auf dem Hermannplatz, ein anderer schläft auf einer Bank an der Frankfurter Allee. Ein anderer hat sich ein Matratzenlager unter einer S-Bahnbrücke zwischen den Bahnhöfen Neukölln und Sonnenallee gebaut. Andere haben Zelte aufgestellt, überall da, wo Berlin noch ein paar Lücken lässt für die Menschen, die nur noch in diese Lücken passen.

„Peter kann nicht drinnen schlafen“, sagt Peter, er mag keine geschlossenen Räume, er muss unterwegs sein, er will den Himmel sehen. „Der Peter ist noch ein alter Treber, auf der Suche und unterwegs“, sagt er. Alt? Er überlegt: „45, 46, 47 – weiß nicht genau.“ Peter packt seine Isomatte, seinen Schlafsack, stopft alles in den Rucksack. Peter, warum so eilig? Na, Peter muss sich doch aufwärmen, in der U-Bahn. Und verschwindet zwischen den Spiegelbildern der Straßenlaternen, Reklamen und Scheinwerfer auf dem Asphalt, ein erster Lichtblick in der Fünf-Uhr-Dunkelheit des neuen Tages.

2. DIE PARTYMEILE

An der Warschauer Brücke hat dieser Tag noch nichts zu suchen. Hier herrscht so kurz vor dem Wochenende noch die Nacht mit ihren unendlichen Versprechen: Rausch und Spaß, Lust und Verlangen. Beats rumsen durch die Wände und Fenster der Clubs auf dem RAW-Gelände. Dealer stehen in den Ecken und verkaufen dosiertes Glück. Der Eintritt an den Club-Türen kostet 10, 13 und 15 Euro, als wäre die Nacht noch lang. Da hilft auch kein Diskutieren mit den Türstehern, denn immer noch ist sie lang, die Schlange derer, die etwas erleben und auf gar keinen Fall Schluss machen wollen. Wie die junge Frau, die jetzt von einer Freundin aus der Hitze des Clubs in die Kälte und Nässe gezogen wird: „Nein, ich will noch bleiben“, ruft sie. „Ich rufe dir ein Taxi“, sagt die andere und zerrt ihre Freundin weiter, raus zur Straße, wo die Taxis stehen.

Eine alte Frau mit Kopftuch schiebt ihr Fahrrad an der Szenerie vorbei, an den Lenkern hängen Jutebeutel voller Pfandflaschen. Was die jungen Leute da treiben, interessiert sie offenkundig nicht. Ihr Blick folgt dem Lichtkegel ihrer Taschenlampe, der hin und her zuckt, auf den Boden, in die Ecken, zu den Mülleimern. Elisabeth heißt sie, und das ist ihr Job. „Morgens ist die Konkurrenz nicht so groß“, sagt sie. „Man muss nur wissen, wo es sich lohnt zu sammeln.“ Seit drei Uhr ist sie unterwegs, solange, bis die ersten Supermärkte öffnen. In ihren Tüten hat sie einen Flaschenwert von 7,20 Euro, sie rechnet immer gleich mit. „Kein Mitleid, es ist, wie es ist, und es ist in Ordnung.“

3. IM RADIO

Hochgeregelt. Marcus, der Radio-Moderator muss früh Vollgas geben.
Hochgeregelt. Marcus, der Radio-Moderator muss früh Vollgas geben.Foto: Karl Grünberg

U-Bahnhof Warschauer Straße, Kiosk, die Kaffeemaschine spuckt Cappuccino für einen Blaumann aus, den Zollstock in der Beintasche, die Schuhe mit Farbe bekleckst, sein Gesicht noch grau. Für ihn beginnt der Tag, und der Sound dazu scheppert aus den Kiosk-Boxen. Es sind die megafröhlichen Ansagen der megafröhlichen Morgenshow-Moderatoren. Morgens um fünf legen sie los. Ob Radio 1, Energy, 88.8 oder BB Radio. Ab dann ist Gute-Laune-Zeit.

Was da an der Warschauer Straße aus dem Äther kommt, wird im Studio des BB-Radios in der Medienstadt Babelsberg produziert, wo gerade die letzten Nachrichtensekunden laufen. Marcus Kaiser hebt die Hand. Hochkonzentriert. Gleich sind er und seine Kollegen Maria und Benni auf Sendung.

3,2,1.

„GUTEN MORGEN.“

„LOS, LOS, RAUS AUS DEN BETTEN.“

„ZEIT, AUFZUSTEHEN!!!“

Die drei klingen wie Rennautos vor der Startlinie: WRRRUM, WRRRUM, WRRRUM, jetzt geht’s LOOOOOS.

Profis sind sie und ihre Abläufe einstudiert. Per Augensignal oder Handzeichen gibt Marcus Kaiser an, wer als nächstes spricht, er „fährt die Sendung“, so heißt es im Radiojargon. Im Ablaufplan auf seinem Monitor schiebt er Einspieler und Soundbytes hin und her. Holt rein, was er braucht, schmeißt weg, was er gesendet hat.

Kaiser ist 45, die Morgenshow ist sein Metier, seit 1992 sendet er, bei Kiss-FM, beim R.S.2, beim BB Radio. Es ist ein kleines Studio, ein paar Quadratmeter, nur er, seine zwei Mitmoderatoren und die Mikrofone. Keiner seiner Zuhörer sieht ihn. Doch er gibt sich, als ob er auf der Waldbühne eine Solonummer aufführt. Breitbeinig und gerade steht er da. Lacht laut auf, gestikuliert. Die Haare nach hinten gegelt, ein stets gewinnendes Lächeln im Gesicht und wenn er redet, vibriert jede Silbe vor Lust ausgesprochen zu werden. Ein echter Entertainer.

Egal, wie müde er ist. Egal, wie spät oder früh es ist. Live ist live. Sobald die Lampe am Mikrofon rot leuchtet, sind sie auf Sendung und katapultieren in Echtzeit ihre Stimmen in unzählige Auto- und Küchenradios, in Büros und Werkstätten, in Kioske und Bäckereien. Bloß nicht stocken, bloß keine Stille, bloß nicht verhaspeln, und immer noch einen Witz drauflegen. Fünf Stunden lang. Da braucht man gar keinen Kaffee, da rauscht das Adrenalin automatisch durch den Körper. Und sie halten diese Gummi-Bärchen-Energy-Drink-Stimmung aufrecht, auch wenn die Mikros aus sind, wenn Musik läuft, ein Gewinnspiel oder der Nachrichtenblock.

„Gute Laune vortäuschen, das funktioniert nicht. Das kann man nicht durchhalten. Morgen für Morgen. Die Hörer würden das merken. Man muss wirklich so ein Spaßmacher sein“, sagt Marcus Kaiser, der jetzt eine kurze Pause nutzt und schnell erzählt: Seinen Familienalltag mit Frau und Kind habe er auf die ungewöhnlichen Arbeitszeiten ausgerichtet. Die Kunst sei es, früh ins Bett zu gehen. Das Schöne: die Stadt, zumindest am Morgen, für sich und an den Nachmittagen frei zu haben.

Schon wieder Nachrichten, schon wieder Wetter. Kaiser muss sich bereit machen, es läuft bereits die Verkehrsdurchsage: „A100, Fahrtrichtung Nord, ein defekter LKW blockiert im Tunnel Ortsteil Britz die rechte Spur, Anschlussstelle Buschkrugallee gesperrt.“

4. DER VERKEHRSLENKER

Alles im Blick. In der Verkehrsregelungszentrale sieht man die Rush Hour kommen.
Alles im Blick. In der Verkehrsregelungszentrale sieht man die Rush Hour kommen.Foto: Karl Grünberg

Was wir im Radio nicht erfahren: Es ist ein weißer LKW liegengeblieben, ein Kühllastwagen. Exakt um 5.47 Uhr wird er auf den Monitoren der Berliner Verkehrsregelungszentrale auffällig, die Mitarbeiterin meldet ihn den Kollegen der Autobahnpolizei und drückt gleichzeitig den Befehl zur Sperrung der Auffahrt in die Tastatur. Ab 5.48 Uhr hat Berlin an diesem Tag seinen ersten Stau und die Radiostationen ihre nächste Verkehrsmeldung.

Wer sehen möchte, wie der Verkehr erwacht, wie sich die Autobahnen langsam füllen, wie Spuren gesperrt und wieder freigegeben werden, wie die Abstände zwischen den Scheinwerfern kürzer werden, der muss zu den Wächtern der Berliner Straßen gehen. Verkehrsregelzentrale, 5. Stock, Gebäude B2, im einstigen Terminalgebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof. In den Hallen darunter schlafen Tausende von Flüchtlingen, in den Etagen darüber basteln Start-ups an ihrer großen Zukunft, aber hier in der fünften Etage wachen fünf Menschen, darunter zwei Polizisten, über die 2100 Berliner Ampelanlagen, über elf Tunnelanlagen der Berliner Autobahn, über die Verkehrslenkung bei Staatsbesuchen, Unfällen und Demonstrationen.

Doch bevor wir in die Details gehen: Dieser Raum! Dutzende Monitore leuchten in die Dunkelheit. Sie zeigen die einzelnen Autobahnabschnitte und darauf die Autos, die ihre Besitzer zur Arbeit steuern. Überall flackert und blinkt es. Angezogen wird der Blick des Besuchers aber vor allem von einer riesigen digitalen Berlin-Karte, auf der die Ampelanlagen der gesamten Stadt verzeichnet sind. Grün, wenn alles funktioniert. Rot, wenn es eine Störung gibt. Optisch ist so viel los, dass die Stille geradezu auffällt: ein bisschen technisches Brummen, manchmal klingelt das Telefon, selten murmelt jemand etwas zum Kollegen.

„Ab 5.30 Uhr wacht Berlin auf, Minute für Minute wird es mehr, und ab 6.30 Uhr sind sie alle draußen, dann geht’s rund“, sagt Volker Gleich, der – seit 21 Jahren hier – heute Schichtleiter ist. Wenn morgens die ersten Auto-Lawinen losrollen, ist es sein Job, die Tunnel der Autobahn freizuhalten. Hört sich einfach an. Doch bei 200 000 Autos, die täglich über die A 100 fahren und damit den Stadtring zu einer der meistbefahrenen Straßen Deutschlands machen, sind zur Rush-Hour schnelle Reaktionen gefordert. Droht ein Stau in den Tunneln, sehen sie das auf den Monitoren und sperren per Knopfdruck eine der Fahrbahnen, damit weniger Autos in den Tunnel fahren. „Natürlich stockt es sich dann weiter hinten, aber die Sicherheit geht vor. Feuer in einem vollgestopften Tunnel wäre eine Katastrophe“, sagt Volker Gleich. Hilft alles nichts, sperren sie schon einmal den ganzen Tunnel.

Manchmal kann Volker Gleich nur zusehen, wie an diesem einen Morgen im Mai 2007: als um sechs Uhr auf der Rudolf-Wissel-Brücke plötzlich der Verkehr stockte; als er stutzig wurde, die Kameras drehte und zoomte. Und dann Teile eines Motorrads auf der Fahrbahn sah, 100 Meter weiter und im Blickfeld einer anderen Kamera, wie jemand einen Körper mit einer Decke bedeckte. Einen Körper ohne Kopf. Etwas weiter hinten entdeckte Volker Gleich auch den Motorradhelm, doch das wollte er sich gar nicht mehr ansehen. Sofort sperrte er die Autobahnen, informierte Polizei und Rettungskräfte. „Ich war so weit weg und trotzdem so nah dran. Ein hilfloser Zuschauer.“

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