Berlin : Zwischen Trauern und Hoffen

Berliner Flutopfer: Ein zweiter Todesfall wurde offiziell bestätigt – 51 Menschen gelten weiter als vermisst

Tanja Buntrock / Marc Neller

Seit Mittwoch haben die Angehörigen von Jürgen S., dem Koch aus dem „Yorckschlößchen“, traurige Gewissheit: Das Bundeskriminalamt (BKA) bestätigte den Tod des 48-jährigen Schönebergers, nachdem Freunde seiner Familie bereits am Sonnabend seiner Frau über Telefon mitgeteilt hatten, sie hätten die Leiche anhand einer Tätowierung identifiziert. Von Vincent, dem siebenjährigen Sohn des Paares, fehlt weiterhin jede Spur. Sohn und Vater waren zuletzt am Strand ihres Hotels im thailändischen Khao Lak gesehen worden, als sie versuchten, vor den heranstürzenden Flutwellen zu flüchten.

Mit Jürgen S. ist der zweite Todesfall eines vermissten Berliners offiziell. Am Freitag hatte die Polizei die 47-jährige, im Krisengebiet vermisste Schönebergerin Manuela B. als tot bekannt gegeben. Von 51 Berlinern fehlt noch jede Spur. Wie von Günther Neumann, dem 69-Jährigen aus Neukölln, der in derselben Ferienanlage wohnte und dessen Thailand-Reise die letzte große Unternehmung des erfahrenen Rucksack-Reisenden werden sollte. Wie von Christine Storm, einer Lehrerin aus Spandau, die auf einer einjährigen Asien-Reise war und zuletzt in einem Strandbungalow in Khao Lak wohnte. Das sind nur zwei von 51 ungeklärten Schicksalen.

Auf einer Gedenkfeier für die Tsunami-Opfer im Roten Rathaus äußerte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit am Dienstag die Hoffnung, „dass möglichst viele Vermisste überlebt haben“. Und tatsächlich kehren noch jetzt Vermisste zurück – wie das Ehepaar aus dem Berliner Norden. Trotzdem sind Freunde und Verwandte „stinksauer“ auf die 62 und 67 Jahre alten Eheleute, die am Freitag aus Sri Lanka einflogen. „Ich habe gezittert. Sie haben sich nicht einmal gemeldet und gesagt, dass alles in Ordnung ist“, sagt die Schwester des Mannes, die anonym bleiben möchte. Der Bruder habe geglaubt, Schwester und Freunde wüssten, dass er und seine Frau im Hinterland von Sri Lanka unterwegs und deshalb außer Gefahr gewesen seien. Doch sicher waren sich die Freunde offenbar nicht. Sie meldeten das Paar als vermisst. Daraufhin seien Kripo-Beamte bei der Schwester erschienen und hätten nach DNA-Material gefragt, das zur Identifizierung gebraucht wird. Eine Beamtin sei sogar schon beim Zahnarzt gewesen, um den Zahnabgleich zu besorgen. „Hätten die sich sofort gemeldet, hätten wir uns das alles sparen können und nicht so viel Ängste ausstehen müssen“, schimpft die Schwester.

Einige Vermisste könnten verschollen bleiben – eine schwierige Situation für die Angehörigen. „Sie haben kein Grab, keinen Ort, um zu trauern“, sagte der evangelische Pfarrer Jörg Kluge, Leiter der Berliner Notfallseelsorge. Er bietet Familien und Freunden Abschiedsfeiern an, die einem Begräbnis ähneln. Bisher, so Kluge, habe aber niemand angefragt. Auch Claudius Hedwig, Psychotherapeut der Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk in Nikolassee, der kostenlose Betreuung für Betroffene anbietet, hat bisher keine Anfragen. Nach Katastrophen könne es bis zu drei Monate dauern, bis die Trauer einsetze. „Vor allem bei jenen, die noch einen kleinen Grund zur Hoffnung hatten.“

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