• Zwischen Wedding und Prenzlauer Berg: Zukunft des Mauerparks: Bürgerbeteiligung verheddert sich

Zwischen Wedding und Prenzlauer Berg : Zukunft des Mauerparks: Bürgerbeteiligung verheddert sich

Bürgerbeteiligung hieß die Devise. Wir machen das anders als bei Stuttgart 21! Deshalb dürfen in Berlin die Anwohner über die Zukunft des Mauerparks mitreden. Und das wollten viele. Wie sich ein ehrgeiziges Projekt verhedderte.

Nadja Klinger
Zwischen April und November sieht für viele Berliner der Plan am Wochenende so aus: "Frühstück, dann in Mauerpark, dann mal schauen." Denn die Grünfläche zwischen Eberswalder Straße und Gleimstraße ist nicht nur tagsüber belebt...Weitere Bilder anzeigen
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
29.06.2016 09:33Zwischen April und November sieht für viele Berliner der Plan am Wochenende so aus: "Frühstück, dann in Mauerpark, dann mal...

Kann man eine Tür zuschlagen und zugleich einen Spalt offen lassen?

Sie überlegen: Manja Ehweiner, Rainer Krüger, Alexander Puell, Sadik Tastan. Nennen wir sie: die vier Bürger. Die vier Bürger sind verärgert, wütend, enttäuscht. „Wir sind uns einig“, sagt Rainer Krüger, „das ist das Schöne an diesem Tag.“ Der Stadtrat kommt, die Senatsbaudirektorin. Sie bitten die Bürger zu bleiben, die Jurysitzung nicht zu verlassen. Man steht abseits, diskutiert, blockiert den Weg zum Mittagsbüfett. Bis die Bürger ihre Jacken und Taschen nehmen und gehen.

Die Tür hinter ihnen ächzt leise. Es ist schwer, demonstrativ einen Raum voller Menschen zu verlassen und dabei zu signalisieren, dass man bereit ist, weiter mitzureden.

Haltung bewahren und Kompromisse machen. Darum geht’s bei politischen Entscheidungen. Doch an diesem Februartag scheint es, als wäre bürgerliches Engagement nicht der Mühe wert. Als hätten die vier Bürger verloren.

Im Sommer 2010 hat Ephraim Gothe, der Baustadtrat von Berlin Mitte, eine Werkstatt eingerichtet. Dort sollten etwa 30 Bürger arbeiten und den Mauerpark planen, dieses rechteckige Stück Berlin, das sich von der Bernauer und der Eberswalder Straße mehr als einen Kilometer nach Norden bis über die Gleimstraße zieht. Einst stand hier die Mauer. Heute trennt das Gelände zwei Stadtbezirke.

Gleich nach dem Mauerfall nahmen die Menschen vom Prenzlauer Berg ihre Seite des Grenzlands in Beschlag. Seitdem liegt ganz Berlin hier herum, spielt Fußball und Basketball, jongliert, macht Musik, singt Karaoke und grillt. Anwohner haben Gärten angelegt, sie pflegen Bäume und Flächen und nennen es eine „Landnahme“. Zahllose Jugendliche bleiben auch nachts im fast unbeleuchteten Park. Machen Feuer, obwohl das nicht erlaubt ist, rauchen, trinken, pfeifen auf das Jugendschutzgesetz. Mitunter taucht Polizei auf. Touristen, die das wiedervereinigte Berlin suchen, werden hier fündig.

Einst war der Mauerpark ein Stück verwundete Stadt. Jetzt ist er Berlins starke Seite. Kinder und Enkel derer, die in der Vergangenheit durch die innerdeutsche Grenze getrennt waren, schaffen gemeinsam Gegenwart. Die Bürger wünschen sich einen Teich, einen Zeltplatz, Zirkus, Burgruine, Pferde, Obstwiesen, Lerngärten, EU-Fördermittel, Jobs für Arbeitslose und Jugendliche.

Der Mauerpark ist eine Haltung. Die Bürger wollen die Gleise der Preußischen Nordbahn freilegen, die einst hier in einen Kopfbahnhof fuhr, und den alten Tunnel retten, der unter der Bahn hindurch die Stadtteile Wedding und Prenzlauer Berg verbindet. Fremden wollen sie auf dem ehemaligen Todesstreifen ihre ganz persönlichen Mauergeschichten erzählen. Im Prenzlauer Berg haben sie mehrere Bürgerinitiativen gegründet. Ihnen geht es um die Biografie des Geländes. Um die Spontaneität der Nachwendezeit. Um ihr Leben in Berlin. Um Wahrhaftigkeit statt Hauptstadtinszenierung.

Anfang der 90er Jahre bekam Berlin von der Allianz Umweltstiftung 4,5 Millionen D-Mark geschenkt, um eine Parkanlage zu bauen. Ein Architekt widmete sich nur dem rund sieben Hektar großen östlichen Teil. Denn der westliche gehört einer Immobiliengesellschaft. Der Geldgeber stellte eine Bedingung: Der Park muss um so viel Westland erweitert sein, dass er mindestens zehn Hektar misst.

Für den westlichen Teil ist Baustadtrat Ephraim Gothe zuständig. Dutzende Mauerparkentwürfe hat er übernommen, als er 2006 sein Amt antrat. Alle basierten auf einem versprochenen Deal: Weil die arme Stadt der Immobiliengesellschaft kein Land abkaufen kann, bekommt sie ein paar Hektar umsonst. Dafür erlaubt sie, das übrige Gelände zu bebauen. Doch die Bürger wollten keine Häuser. Sie protestierten, demonstrierten, sammelten Unterschriften. Beschlossen, Geld aufzutreiben und das Land selbst zu kaufen.

Seit gut einem Jahr gibt es nach vielen überarbeiteten Plänen endlich einen, der nicht nur nach einem politischen Deal aussieht, sondern erkennen lässt, dass es in der Stadt auch Bürgerinteressen gibt. Viel mehr Grün, Häuser nur am nördlichen und südlichen Rand des Mauerparks. Darauf ließ Gothe sich ein. Dann sagte er: „Jetzt lehne ich mich zurück und schaue zu, was die Bürger daraus machen.“

Seit Sommer 2010 raufen sich Anwohner, Einzelkämpfer und Aktivisten verschiedener Initiativen in der Bürgerwerkstatt zusammen, verarbeiten Wünsche zu praktikablen Ideen.

Einige haben Gothe immer misstraut. Vermittelt er das Gefühl, sie könnten mitbestimmen, und macht dann doch, was er will? Andere schwören auf den Effekt von „Stuttgart 21“. Darauf, dass es so etwas wie ein Demokratiemodell war und kein Politiker mehr allein über eine Stadt bestimmen kann. Anders als in Stuttgart, wo der Bahnhof gemachte Sache war, kommen die Berliner zu Wort, bevor der Mauerpark geplant ist. Aber: Sie dürfen zuarbeiten, entscheiden können sie nichts. Die Bürgerwerkstatt zeigt, was passiert, wenn aus „Stuttgart 21“ Ernst wird.

„Wenn Mitmachen eine Bewegungsform ist, dann ist es ein Kreistanz. Arm in Arm, mal schneller, mal langsamer. Man muss Schritt halten“, sagt Alexander Puell. Er weiß, wie man den Rhythmus findet. Wie man ihn hält, wenn’s miteinander, statt gegeneinander gehen soll.

„Die Gesellschaft ist unser aller Wohnzimmer“, sagt Puell. Mitte der 80er Jahre stieg er bei einer Umweltgruppe ein. Seinen Kindern, acht und drei Jahre alt, erzählte er, dass Glück nicht am individuellen Konsum hängt. Puell engagierte sich in der Kita im Prenzlauer Berg, die beide besuchten, bis er begann, sich um den Mauerpark zu kümmern. Das war vor über fünf Jahren.

Seitdem ist er bei den „Freunden des Mauerparks“, einer der Bürgerinitiativen, ohne die der ehemalige Grenzstreifen heute nicht wäre, was er ist. Für das, was er zukünftig sein kann, gingen die „Freunde“ einen Kompromiss ein: Häuser im Norden und im Süden, ganz am Rande des Parks. Seit sie das taten, sind sich die Mauerparkaktivisten vom Prenzlauer Berg nicht mehr einig. Sie kämpfen jetzt auch gegeneinander.

Bevor Alexander Puell morgens aus dem Haus geht, verknotet er die dunklen Haare im Nacken wie ein Sportler. Das Rennen, das er gewinnen will, gibt Antwort auf die Frage, ob Bürger jenseits von Protest Gegebenheiten verändern können. Puell hat sich Fachwissen angeeignet, kennt Interessenlagen, politische Kräfte. Wenn er in der Bürgerwerkstatt redet, hört er so schnell nicht auf. Wenn andere reden, hört er richtig zu. Er sagt: „Fällt beim Kreistanz einer hin, stürzen alle.“

Rainer Krüger kann den Mauerpark vom Balkon seiner Wohnung in der Gleimstraße überblicken. Im Frühjahr 2010 kam er mit seiner Frau aus Oldenburg nach Berlin. Krügers wollten die Menschen kennenlernen, mit denen sie zusammenwohnen. Sie gingen zur Mitgliederversammlung des „Bürgervereins Gleimviertel“.

Hinz und Kunz waren da, man duzte sich. Man war übel gelaunt und stritt. Es ging darum, dass im Mauerpark gebaut werden soll, um Luxuswohnungen, steigende Mieten, Verdrängung Alteingesessener. Die Nerven lagen blank. Gerade erst hatte Krüger den Aufnahmeantrag ausgefüllt, schon meldete er sich zu Wort: „Hier kommt’s mir vor wie in einer zerrütteten Ehe. Das können wir uns nicht leisten!“ – „Wie heißt du?“, rief jemand. – „Rainer“, sagte der grauhaarige Mann mit der kleinen Brille. – „Rainer in den Vorstand!“

Krüger, 1939 geboren, war mit 30 Professor, Gründungsrektor der Universität Oldenburg, hat ein Forschungsinstitut aufgebaut, sich mit Siedlungsgeografie und strukturschwachen Regionen beschäftigt. Als Regionalwissenschaftler betrachtet er einen Ort nicht ohne seine Geschichte, Kultur und Eigenart. Als Vorstandsmitglied des „Bürgervereins Gleimviertel“ sitzt er in Gothes Werkstatt.

Am 7. Juli 2010 fand das Vorbereitungstreffen statt. Zwei vom Land Berlin engagierte Moderatoren waren darauf vorbereitet, zwischen den Interessen der Stadtbevölkerung und der Stadtpolitik zu vermitteln. Sie regierten die Diskussion, protokollierten akribisch, filmten. Die Bürger waren Hauptdarsteller. Doch spielten sie ihre Rollen, wie es von der Regie nicht vorgesehen war. Man kann keinen Park planen, ohne über die Häuser am Rand zu sprechen, gaben sie zu Protokoll. Krüger stellte Bedingungen: autofreie Zone, nicht zu hoch und zu dicht bauen, Genossenschaftswohnungen statt Luxus mit Maximalgewinn. Er sagte: „Wir wollen Mieter, die zum Park passen.“

Stadtrat Gothe, der sich schon zurückgelehnt hatte, musste sich noch einmal aufrichten und eine Entscheidung fällen. Die Werkstattteilnehmer Rainer Krüger, Alexander Puell aus dem Prenzlauer Berg, Manja Ehweiner und Sadik Tastan aus dem Wedding wurden als Delegierte in den Städtebaulichen Wettbewerb entsandt. Das gab’s in Berlin noch nie: Architekten entwerfen Häuser, und Menschen, die vom Fach nicht unbedingt etwas verstehen, äußern sich dazu. Die Bürger waren jetzt Sachverständige. Jedoch: Entscheiden wird die Jury.

Im November traf sich der „Bürgerverein Gleimviertel“ außerplanmäßig. Krüger berichtete. „Niemals lassen die dich auf die Stadtplanung Einfluss nehmen!“, riefen die Leute. „Du bist das Feigenblatt der Politik!“ Er erinnert sich: „Es waren Leute da, die längst ausgestiegen waren, weil sie protestieren und nicht mitarbeiten wollen, außerdem welche, die ich gar nicht kannte.“ Es war eine Art Putsch. Man versuchte, per Abstimmung, das Gleimviertel aus der Bürgerwerkstatt zu holen. Es misslang. Aber mit nur einer Stimme Mehrheit. Krüger atmete auf. Puell ebenfalls. Er war anwesend. Er war nun Mitglied in zwei Mauerparkvereinen. Die eine Stimme für die Mehrheit war seine.

An einem Dezembermorgen beraten sich Puell, Krüger und Sadik Tastan in der Küche von Manja Ehweiner. Sie hat Plätzchen gebacken und Kaffee serviert, agiert mit Papier und Stift. Sie ist schweigsamer als die Männer.

Was sagen eigentlich die Leute da drüben? Das hat sich Rainer Krüger gefragt, seit er vom Balkon über den fertigen östlichen Mauerparkteil auf den unfertigen im Westen schaute. „Der Prenzlauer Berg ist laut und dominant“, sagt er. „Aber es geht ja um die andere Parkseite.“ Gibt es überhaupt ein gemeinsames Bürgerinteresse?

Manja Ehweiner, geboren 1975, wuchs in Thüringen auf, arbeitet für eine Unternehmensberatung. Sie wohnte mit ihrem Mann im Prenzlauer Berg, bis die beiden Kinder so groß waren, dass sie mehr Wohnraum brauchten. Weil der bezahlbar sein musste, landeten sie 2009 im Brunnenviertel. Es säumt den Mauerpark auf der Weddinger Seite, ist aber auch weit von ihm entfernt. „Die Leute hier haben andere Sorgen“, sagt Ehweiner. „Existenzielle.“ Der Blick in die Zukunft geht von hier nicht zum Mauerpark. „Man versteht hier nicht einmal, worüber die sich da ereifern.“

An der Wolliner Straße riegeln Wohnhäuser das Brunnenviertel vom westlichen Parkteil ab. Schilder warnen. Wer einen der Zugänge nutzt, tut das auf eigene Gefahr. Jugendliche Parkbesucher pinkeln in die Weddinger Gärten. Steigen über Zäune, nehmen mit, was herumliegt. Die Brunnenviertelbewohner brauchen den Mauerpark nicht, sie haben den Humboldthain. Sie hätten allerdings gern Bewohner des Mauerparks. Auch Reiche. Jede Chance, dass die sozialen Verhältnisse im Kiez ein bisschen durchmischt werden, ist willkommen. Jedoch bangt ihnen vor dem Tag, da der Mauerpark sie mit dem Prenzlauer Berg verbindet. Mit allem, was da los ist. Sie befürchten, dass das neue Berlin über sie herfällt. Berechtigterweise.

Als Manja Ehweiner im Juli zum Vorbereitungstreffen der Bürgerwerkstatt ging, war die Stimmung mies, man griff einander unflätig an. Brauche ich das?, fragte sie sich. An ihrem Tisch saß der Parkarchitekt. Eine Frau erklärte ihm das Leben rings um den Park. Pries die vielen Kinder, die Cafés, Geschäfte, das Nachtleben. „Und im Wedding?“, wollte der Mann wissen. Die Frau winkte ab. „Ich fand es bedrohlich, dass man uns einfach ignorierte“, sagt Ehweiner. Sie blieb in der Werkstatt.

Nun, über ein halbes Jahr später, an diesem Februartag haben Sadik Tastan, Rainer Krüger und Alexander Puell Jacketts angezogen für ihren Auftritt als Sachverständige bei der Jurysitzung. Dort hat kein einziger Architekt einen Entwurf für Mauerparkhäuser eingereicht, der ihnen auch nur annähernd gefiel. Stadtrat Gothe wollte die vier Bürger aufhalten. Doch seine Werkstatt hat sie konfliktfähig und stark gemacht. Jetzt sitzen sie mit dem Laptop in einer Gaststätte an der Gleimstraße und formulieren eine Presseerklärung.

Krüger sieht müde aus. Kaum nach Berlin gekommen, hat er erledigt, was die Stadt bislang nicht hinbekam: Ost und West am Mauerparkgelände wiedervereinigt. Puell ist schon wieder in den Startlöchern, auf dem Weg zu den Parlamentariern des Stadtbezirks Mitte. Denn egal, was die Jury gerade entscheidet: Gebaut werden kann nur, wenn die Bezirksverordneten dem Entwurf zustimmen. Sie könnten aber auch Haltung zeigen. „Die Tür ist nicht zugeschlagen“, tippt Manja Ehweiner in den Laptop.

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