Kultur :   KURZ  &  KRITISCH  

Carsten Niemann

KLASSIK

Auf Zehenspitzen:

Die Philharmoniker mit Isserlis

Gastsolisten und -dirigenten haben kaum Gelegenheit, vor einer Aufführung nächtelang über die Interpretation zu diskutieren. Lohnen würde es sich, vor allem dann, wenn dem Dirigenten ein Orchester zur Verfügung steht, das technisch wie musikalisch in der Lage ist, die feinsten Seelenregungen des Partners zu spiegeln. So aber bleibt die Aufführung von Antonín Dvoráks Cellokonzert durch Steven Isserlis, die Berliner Philharmoniker und Alan Gilbert unter ihren Möglichkeiten. Sicher: Vor Beginn der zweiten Soloepisode des ersten Satzes bieten die Philharmoniker Isserlis ein schönes Piano. Um ihm aber gerecht zu werden, müssten sie flüstern oder auf den Zehenspitzen schleichen. Nur kurz vor Konzertende erreicht Konzertmeister Guy Braunstein in seinem Duett mit dem Solocello eine Intensität, die dem Solisten angemessen ist.

Auch nach der Pause will den Ausführenden der Schritt vom Ausgezeichneten zum Außergewöhnlichen nicht gelingen. Schade für die vierte Symphonie des vor 50 Jahren gestorbenen Bohuslav Martinu. Ihre querständige, auf der fast manischen Wiederholung kleinster Motivpartikel aufbauende Dramaturgie will entschieden herausgearbeitet sein. Wie ein Repertoirestück dirigiert, wird sie dagegen kaum zum Repertoirestück werden (Übertragung am 25. April, 20.04 Uhr, im Kulturradio des rbb). Carsten Niemann

KLASSIK

Töne einer Ausstellung:

Gilbert Varga und das RSB

Es ist ein plastischer Abend, eine Metamorphose vom Klang zum Bild. Gilbert Varga und das Rundfunk Sinfonie Orchester Berlin entlassen den Zuhörer nach zwei Stunden irgendwo zwischen erdrückt und beglückt. Rachmaninows Tondichtung „Die Toteninsel“, inspiriert vom Gemälde Böcklins, ist im Konzerthaus Auseinandersetzung mit der Kunst: Jeder hat das Bild im Programmheft vor sich, und doch pausen Varga und das RSB nicht ab, sie zeichnen weiter. Nach subtilster Melodiebehandlung im ersten Satz wechseln sich in den Mittelsätzen flimmernde Streicherteppiche mit gewaltsam herausgearbeiteten Tutti-Explosionen ab. Zum Spiel mit Farben könnte auch Prokofjews zweites Klavierkonzert werden, wäre die Palette von Solistin Anna Vinnitskaya etwas reichhaltiger. Eine Lesart hat die Russin durchaus: Technisch perfekt, zementiert sie die Fortschrittlichkeit des 1913 entstandenen Werkes. Doch erst im Schlusssatz löst sich ihre Interpretation von einer Art Uhrwerksmechanik. Da sind Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in Ravels Orchesterfassung von Natur aus bunter. Varga treibt das RSB noch einmal zu effektvollem Klang, zum Zeichnen mit dem Holzhammer. Akustisch ist das beeindruckend (besonders im Blech!), inhaltlich nicht notwendig. Daniel Wixforth

KUNST

Bunt gewürfelt:

Das Brücke-Museum zeigt seine Hits

Ringelstrümpfe, Ringelkleid: In nachdenklicher Pose hockt die „Artistin Marcella“ auf dem Sofa. Die Leiterin des Brücke-Museums, Magdalena Moeller, erwarb das Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner 1995 für fünf Millionen Mark. Gut investiertes Geld. Das Bild ist längst zum Publikumsliebling im Brücke-Museum avanciert und darf in einer Sammlungspräsentation „Gemälde und Plastik der ‚Brücke‘“ nicht fehlen (Bussardsteig 9, bis 3. Mai, Mi–Mo 11–17 Uhr).

Nun sind Ankündigungen und Ausstellungstitel das eine – de facto sind bis auf zwei Kleinplastiken „nur“ 80 oftmals erstrangige Gemälde zu sehen. Eine Gliederung ist kaum zu erkennen, obwohl mit frühen Brücke-Werken zeitpunktgenau angefangen wird. Ansonsten wird zusammengewürfelt, was uns von Kirchner, Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Co. lieb und teuer ist. Immerhin werden auch weniger bekannte Brücke-Mitglieder wie der gebürtige Schweizer Cuno Amiet vorgestellt. Wie unterschiedlich die Formauffassung der Brücke-Maler war, zeigen zwei Porträts von Mueller, die Heckel und Kirchner gemalt haben. Solche Vergleichsbilder möchte man nebeneinander sehen. Jens Hinrichsen

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