NEU AUF DVD   : Segelboot klaun und abhaun

Karl Hafner

RED HILL

von Patrick Hughes

Einen ärgeren ersten Arbeitstag kann sich kein Mensch vorstellen. Der junge Polizist Shane Cooper, gespielt von „True Blood“-Star Ryan Kwanten, betritt seine neue Dienststelle irgendwo am Ende der Welt. Seine Kollegen sind mürrisch, an Neuem ist man hier nicht interessiert. Hier ist alles so stockkonservativ und ignorant, dass einem beim Zusehen schon eiskalt wird. Stumm und stumpfsinnig liegt der Rassismus über der australischen Kleinstadt Red Hill in Patrick Hughes’ Neo- Western „Red Hill" (kinowelt), der letztes Jahr auf der Berlinale Premiere hatte und nun direkt auf DVD gelandet ist. Das Dorfleben geht seinen langweiligen Lauf, doch dann bricht der Häftling Jimmy Conway, ein Aborigine, aus dem nahen Gefängnis aus. Den Bewohnern von Red Hill ist sofort klar, was das bedeutet. Der Flüchtige wird über die Stadt kommen wie ein Racheengel. Die Ortschaft rüstet sich zum blutigen Kampf – und Cop Cooper ist wohl oder übel mittendrin, obwohl niemand so recht weiß, wofür sich Conway rächen will. Alles in „Red Hill“ ist Zitat: Abgesägte Schrotflinten, Patronengurte, zusammengekniffene Augen und die Jukebox, die den Soundtrack zum Untergang spielt: alles bekannt aus Italo-Western, aus Slasherfilmen, von Robert Rodriguez bis zu den Coen-Brüdern. Doch der Plot ist geradlinig und kompromisslos – und vor allem: spannend.

NORDSEE IST MORDSEE

von Hark Bohm

Mühsam ist das Leben für den 14-jährigen Uwe in Hark Bohms Jugendfilm von 1976, „Nordsee ist Mordsee“ (arthaus), dessen Veröffentlichung auf DVD passend zu den derzeitigen Udo-Lindenberg-Jubelwochen stattfindet. Lindenberg hat den Soundtrack dazu geschrieben und dem Film mit der Textzeile „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klaun’ und einfach abzuhaun’ ...“ das Motto gegeben. Uwe wächst in der Hamburger HochhausSiedlung Wilhelmsburg auf, sein Vater säuft und prügelt, doch auf der Straße gibt Uwe den Ton an, beim Leute-Schikanieren oder beim Knacken von Spielautomaten. Besonders schlimm erwischt es den asiatischen Jungen Dschingis, scheinbar das leichteste Opfer – ein braver Junge ohne Freunde, der seine Tage damit verbringt, sich ein Boot zu bauen. Bohms Film ist unverkennbar ein Produkt der Siebziger, eine so deutlich sozial engagierte Milieustudie, wie man sie wohl nur zu dieser Zeit drehte. Der auf DVD enthaltene Trailer erklärt entsprechend eindringlich, man dürfe diese Jungs, diese Halbstarken, nicht abschreiben, die sozialen Umstände seien schuld und müssten zuerst geändert werden. Nun, der Film ist heute genauso gut wie damals, zumal er in erster Linie eine spannende Abenteuergeschichte erzählt. Dschingis und Uwe werden tatsächlich Freunde. Mit dem selbst gebauten Boot wollen sie davon aus ihrem tristen Leben wie einst Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Dieser Jugendtraum vom Piratenleben: Er wird ohnehin immer gültig sein.

FUSSBALL VOM ANDEREN STERN

von Paul Crowder und John Dower

Ein Phänomen der Siebziger ist das legendäre Cosmos New York, das vielleicht glamouröseste Fußball-Team aller Zeiten. Die Doku „Fußball vom anderen Stern“ (atlas/Kochmedia) erzählt die kurze Geschichte des Vereins, gegründet 1971 von den beiden türkischen Brüdern Ertegün, damals Chefs von Atlantic Records, sowie Warner-Brothers-Präsident Steve Ross – und aufgelöst 1985. Der Versuch, mit der Soccer League NASL Fußball als Publikumssport in den USA zu etablieren, war da längst gescheitert, aber immerhin fanden sich 1977 auf dem Höhepunkt der CosmosHysterie schon mal 70 000 Menschen im Stadion ein. Sie alle wollten Pelé spielen sehen oder „The Kaiser“ Beckenbauer. Damals strich der Club sogar das „New York“ aus seinem Namen, man war nur noch „The Cosmos“, der absolute Größenwahn. Die Spielergehälter waren aberwitzig, Hollywood-Stars, Rockmusiker, die New Yorker Bohème gingen in der Kabine ein und aus. Im Studio 54 war ein Tisch für die Spieler reserviert. Schon vorstellbar, warum Beckenbauer seine Zeit in New York als die beste seines Lebens bezeichnet. Der Film macht eine Menge Spaß – und hat sogar einen Bösewicht: Giorgio Chinaglia, der immerhin weit über 200 Tore für Cosmos geschossen hat, soll später als Präsident aus Profitgier alles in den Sand gesetzt haben. Aber jeder erzählt sowieso nur seine Version des Mythos. Karl Hafner

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