Kultur : 1-Euro-Ticket: Was darf Kultur kosten?

Sozialer Ausschluss: eine Berliner Diskussion

André Görke

Montagabend, Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin. Das Thema, überfällig: Klassenkampf um Kultur. Die Wortwahl: heftig.

Brigitte Lange musste erst einmal durchatmen. „Die Diskussion war berechtigt, der Abend skurril“, sagte die kulturpolitische Sprecherin der SPD. „Es ist erschreckend, zu hören, wie viele einen Fünf-Euro-Schein umdrehen, um eine Kulturveranstaltung besuchen zu können.“ Lange war nicht allein, sämtliche Parteien (bis auf die FDP) stellten sich der Diskussion, wie viel Kultur kosten darf, wenn man nicht breite Schichten ausschließen will. Im Publikum saßen Kleinstverdiener, Rentner, Empfänger des Arbeitslosengeldes II. „Geht auf Golfplätze“, lautete noch einer der netteren Anwürfe, mit denen sich ein neues Kulturproletariat Luft zu verschaffen hoffte.

„Von sozialer Ausgrenzung in der Berliner Kultur“ sprach denn auch der Leiter des Arbeitslosenausschusses der Bildungsgewerkschaft GEW, Gerd Kleiner. Und er hatte eine simple, verständliche Rechnung aufgestellt: Vom Arbeitslosengeld II blieben „monatlich 200 Euro“, also rund sechs Euro am Tag. Und wer, bitteschön, solle sich davon eine Theaterkarte für acht Euro am Abend leisten? Seine Forderung: Es müsse eine Sozialkarte für Kultur geben, die dazu berechtigt, 50 Prozent Ermäßigung im Vorverkauf zu erhalten und die freien Karten an den Abendkassen kostenlos nutzen zu können.

So einfach sei das nicht, hielt die Politik dagegen, wenige Häuser seien in öffentlicher Hand, außerdem müssten diese sich ja finanzieren. Dennoch, so die kulturpolitische Sprecherin der CDU, Monika Grütters, „war der Abend interessant, ja, eine Lehrstunde für uns alle“. Sie hatte einen Kulturpass nach Wiener Modell angeregt, dessen Antrag dem Abgeordnetenhaus vorliegt. Darin fordert sie den Senat auf, „eine durch Spenden finanzierte, kostenlose Vergabe von Karten“ zu unterstützen, „in Wien funktioniert es ja auch“. Das Modell soll in wenigen Tagen vorgestellt werden. Allerdings, so die Politikerin, könne es nur Ergänzung sein. Vor allem sollten Restkarten für einen Euro an sozial Schwache verkauft werden. Wie meinte schließlich ein Mann im Publikum: „Wir gehen für einen Euro arbeiten, also sollten wir auch für einen Euro ins Theater gehen können.“

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