100. Geburtstag : Heinz Erhardt: Biedermann und Anarchist

In seinen Versen lebt der nassforsche Ton der zwanziger Jahre weiter. Zum 100. Geburtstag von Heinz Erhardt.

Christian Schröder
Erhardt Foto: defd
Nicht ohne meine Krawatte. Heinz Erhardt 1957 als "Der müde Theodor". -Foto: defd

Noch ’n Chanson. Das Piano scheppert, der Sänger lispelt, scattet und brummt. „Sie ist ’ne Tippmamsell“, spricht er mehr als dass er singt, „und ich bin Junggesell’, / Kann’s wundern dass ganz schnell ich Feuer fasse?“ Die Tonspur knistert gewaltig, aber die Inbrunst, mit der die Mietskasernenromanze – „Sie wohnt im dritten Stock / und ich wohn im vierten Stock“ – beschworen wird, ist nicht zu überhören. Doch leider bleibt die Liebe bloß Schwärmerei, denn das lyrische Ich dieses Liedes leidet – „Nur eines ist betrüblich / Und das steckt in mir drin“ – an Schüchternheit. „Treff ich sie auf der Treppe vor ihrer Wohnungstür“, so endet die Zweiminutengeschichte, „schleich ich an ihr vorüber ins Stockwerk Nummer vier.“

So hat man Heinz Erhardt bislang noch nicht gekannt: als sanft ironischen, wortspielverliebten Schlagersänger in der Tradition der Comedian Harmonists. „Blödelnd durch den Ernst der Zeit“ heißt eine CD, die zum 100. Geburtstag des Komikers erscheint und erstmals ein gutes Dutzend Chansons aus seinen frühen Jahren versammelt (siehe Kasten). Da blödelt sich Erhardt durch Orient-Fantasien („Es war einmal ein Muselmann / Der trank sich einen Dusel an“) und feiert zu rollenden Klavierakkorden Frühlingsgefühle: „Die Sonne scheint warm und ein Mädchen im Arm / Ach, wie schön ist doch die Welt.“

Heinz Erhardt
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29.07.2009 08:31"Was bin ich doch heute wieder für ein Schelm!", sagte einst Heinz Erhardt und trumpfte mit "Noch'n Gedicht" auf. Der legendäre...



Die Songs waren zwischen 1939 und 1947 mitgeschnitten worden, als der Kleinkünstler bei Berliner Radiosendern und in Fernsehsendungen auftrat, die damals nur von ein paar hundert Zuschauern gesehen werden konnten. Die Aufnahmen galten als verschollen, bis der Kabaretthistoriker Volker Kühn sie in einem Berliner Archiv aufstöberte. Bei seinem TV-Debüt in der „Bunten Fernseh-Fibel“ war Erhardt 30, er saß im weißen Smoking am Flügel, seinen Lausbubencharme und die runde Nickelbrille hatte er sich bei Heinz Rühmann abgeschaut. Damals tourte er als Pianist mit der Tänzerin La Jana durch Deutschland, gastierte als „fabelhafter Schnellsprecher“ am Berliner „Kabarett der Komiker“ und hatte mit „Fräulein Mabel“ einen ersten Hit. 1941 wurde er eingezogen, den Krieg überstand der „Nichtschwimmer und Brillenträger“ unbeschadet bei der Marine. Mit dem Musikkorps der Kriegsmarine wurde er zur Truppenbetreuung eingesetzt.

Von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist in Erhardts Texten wenig zu spüren. Unerschöpflicher Optimismus gehörte zu seinen Erfolgsrezepten, dunkler als in den „Gedanken an der Ostsee“, die er während des Kriegs zu Papier brachte, war sein Gemüt nie: „Wie wär die Welt so wunderbar umspült vom blauen Meer / wenn diese Welt, wie’s einstmals war, ganz ohne Menschen wär.“

Zur Identifikationsfigur und zum Nationalstar ist Heinz Erhardt erst spät aufgestiegen, mit fast fünfzig Jahren im Kino der Adenauer-Ära. Mit seinem Mondgesicht und der stattlichen Leibesfülle wirkte er wie die Inkarnation des Wirtschaftswunders, ähnlich wie Wirtschaftsminister Ludwig Erhard oder der damals ebenfalls noch pralle Kabarettist Wolfgang Neuss. In Filmen wie „Der müde Theodor“, „Witwer mit fünf Töchtern“ oder „Vater, Mutter und neun Kinder“ trat er immer wieder in Vaterrollen auf, nicht als strenger Patriarch, sondern als zerknautscht-zerstreuter Papa, der Jacketts mit zu kurzen Ärmeln trägt und dem die Erziehung seiner Anvertrauten entgleitet. Seine Tolpatschigkeit verschafft den oft biederen Plots dieser Filme ein anarchisches Element. Einen „Profi, der sich als Trottel zu erkennen gab und dafür geliebt wurde“, nennt ihn Volker Kühn.

Über seinen späten Erfolg hat Erhardt gespottet. „Kaum hatte ich das zarte Alter von 46 erreicht, als man mich auch schon für den Film entdeckte – auf einer winzigen Bühne in einem witzigen Stück. Das Publikum scharte sich in Scharen um das Geschehen, aber weniger meinetwegen als wegen einer bedeutend jüngeren Kollegin, die es meisterhaft verstand, ihre Rolle vor allem zu verkörpern. Schließlich aber kam ein Produzent auf die Idee, dass eigentlich ich den Maßen der Breitwand eher entspräche.“ Er genoss die Popularität, die ihm die Filme einbrachten, klagte aber oft über die Drehbücher. „Wie kann man bloß so etwas auf die Leute loslassen? Hoffentlich verschwindet der Film bald aus den Kinos!“, notierte er 1971, als „Das kann doch unseren Willi nicht erschüttern“ startete, einer seiner letzten Filme.

Heinz Erhardt, als Sohn eines Kapellmeisters am 20. Februar 1909 in Riga geboren, sah sich selber nicht als Schauspieler, sondern als Autor. Schon als Schüler beginnt er zu dichten, nach dem Abitur tritt er mit „humoristischen Liedern zur Laute“ auf. Sein Studium am Leipziger Musikkonservatorium muss er abbrechen, weil er in Riga den Musikalienhandel seines Großvaters übernehmen soll. Erst 1938, da ist er bereits verheiratet, entkommt er den familiären Bindungen. Er zieht nach Berlin, kommt bei einer Künstleragentur unter und verkündet selbstbewusst: „Ich singe Chansons und begleite mich selbst am Flügel.“

Heinz Erhardt war ein Workaholic. In den sechziger und frühen siebziger Jahren wurde er zum Dauergast im Fernsehen und tingelte mit Theaterstücken durch die deutsche Provinz. In sein Tagebuch schrieb er: „Ich fühle mich sehr schlecht, unregelmäßiger Puls, Atemnot und zu hoher Blutdruck. Zur Vorstellung kann ich mich nur durch ein paar ,Doornkaats’ fithalten.“ 1971 erlitt er einen Schlaganfall, der sein Sprachzentrum zerstörte. An den Folgen ist er 1979 gestorben. Morgenstern, Ringelnatz und Erich Kästner waren Erhardts Vorbilder. In seinen Versen lebt der nassforsche Tonfall der zwanziger Jahre weiter, einige haben selbst das Zeug zum Klassiker. Zum Beispiel: „Vom Alten Fritz, dem Preußenkönig, / weiß man zwar viel, doch viel zu wenig. / So ist zum Beispiel nicht bekannt, / dass er die Bratkartoffeln erfand. / Drum heißen sie auch, das ist kein Witz / Pommes Fritz.“

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