100. Geburtstag von Wolfgang Hildesheimer : Melancholie und Humor

Er konnte witzig sein und war gleichzeitig einer der ernsthaftesten Schriftsteller seiner Generation. Neue Publikationen zum 100. Geburtstag von Wolfgang Hildesheimer.

Tobias Schwartz
Wolfgang Hildesheimer
„Eine Neurose habe ich natürlich auch“. Das Bild zeigt Wolfgang Hildesheimer, der 1916 geboren wurde, im Jahr 1972.Foto: ullstein bild

„Ich wäre gern ein anderer geworden, Du auch?“, schreibt Wolfgang Hildesheimer in seinen „Mitteilungen an Max über den Stand der Dinge“, die er aus einem Text zum 70. Geburtstag seines Schriftstellerkollegen Max Frisch entwickelte. Dabei war Hildesheimer, wenn er sich vor Identitätskrisen auch „ziemlich sicher“ fühlte, immer mal wieder ein anderer. Bühnenbildner, Maler, Collagist, Tischler und Innenarchitekt, Emigrant, Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen, Mozart-Biograf, Übersetzer literarischer Werke (etwa von Djuna Barnes’ großartigem Roman „Nachtgewächs“) und einer der originellsten Autoren der Gruppe 47.

Eines war er nicht, hätte er aber werden können: Gagschreiber oder Stand- up-Comedian: „Eine Neurose habe ich natürlich auch. Keine Zwangsneurose, sondern eine freiwillige. Sie ist verhältnismäßig leicht zu züchten...“, heißt es in den clownesken „Mitteilungen“, in denen er auch dem Begriff Kalauer etymologisch- augenzwinkernd auf den Grund geht. An anderer Stelle heißt es: „Seit Jahren nehme ich Psychopharmaka, die bekanntlich persönlichkeitsverändernd sind, und warte darauf, dass man mich nicht mehr erkennt...“ Sätze, die auch auch aus einem Woody-Allen-Film stammen könnten.

Die Frage nach der Identität, die Hildesheimers gesamtes Werk durchzieht, verbindet ihn mit vielen modernen Romanciers, allen voran Max Frisch. Jetzt ist Hildesheimer (1916-1991) der Jubilar. Am 9. Dezember jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal. Leider ist er in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Anders als seinen Weggefährten Frisch, Grass oder Böll blieb ihm schon zu Lebzeiten der große Ruhm versagt. An Ehrgeiz und Selbstbewusstsein jedenfalls hat es ihm nie gemangelt, wie man jetzt in seinen „Briefen an die Eltern“ nachlesen kann, einer 1500 Seiten schweren Korrespondenz aus den Jahren 1937 bis 1962, die in zwei Bänden erschienen ist, herausgegeben und vorzüglich kommentiert von Volker Jehle, ohne den die Hildesheimer-Forschung wohl aufgeschmissen wäre. Zahllose Dokumente hatte Hildesheimer Jehle noch selbst ausgehändigt. Die Briefe ermöglichen einen detaillierten Einblick in wichtige Lebensstationen und Schaffensperioden.

Sein einziger Roman nimmt den Kunstbetrieb aufs Korn

Als Sohn jüdischer Eltern in Hamburg geboren, floh er 1933 nach Palästina und England und kehrte nach 1945 zurück. Seine künstlerische Laufbahn begann als Maler und Bühnenbildner, er verfasste aber bald von Beckett und Ionesco beeinflusste Theaterstücke, die an vielen Bühnen der jungen Bundesrepublik gespielt wurden, auch in der Schweiz und Österreich. Als Prosa-Autor wurde er schnell zur Gruppe 47 eingeladen und fand über Umwege zu Suhrkamp. Über die „in der deutschen Literatur so seltene Gabe der Satire“ zu verfügen, attestierte dem Kurzgeschichtenschreiber bereits in den frühen 50er Jahren der Bayerische Rundfunk. Sein einziger Roman „Paradies der falschen Vögel“ (1953) nimmt den damaligen Kunstbetrieb mit scharfer Ironie aufs Korn.

Dass rund dreißig Jahre später Hildesheimers postmodernistische Biografie über den von ihm erfundenen Goethe- Zeitgenossen und Kunsttheoretiker Marbot (1981) ein Fachpublikum täuschen konnte, liegt sicher auch daran, dass es Texte wie „1956 – ein Pilz-Jahr“ aus dem Erzählband „Lieblose Legenden“ nicht kannte. Gottlieb Theodor Pilz „war weniger ein Schöpfer als ein Dämpfer. Es ist ihm zu verdanken, dass Turnvater Jahn keinen Dramenzyklus geschrieben hat, dass Aurore Dupin-Dudevant Männerkleidung angelegt hat und sich George Sand genannt hat, während er Chopin daran gehindert hat, Frauenkleider anzulegen und sich Aurore Dupin zu nennen“, berichtet er 1951 seinen Eltern in Israel. Dass die Briefe 1962 mit dem Tod der Mutter enden, ist bedauerlich, auch weil bedeutende Texte wie „Zeiten in Cornwall“, „Masante“ und „Tynset“ nicht mehr vorkommen, genauso wenig wie spätere Ehrungen, darunter das Große Bundesverdienstkreuz und der Büchner- Preis. Da bildet die erste große Hildesheimer-Biografie von Stephan Braese eine überfällige Ergänzung.

Kaum ein Œuvre ist vielgestaltiger

Hildesheimer, der ab 1957 in Graubünden lebte, besaß die Fähigkeit, Melancholie, Weltschmerz und einer gelegentlich apokalyptischen Weltsicht humoristische Formen zu geben. Gleichzeitig war er einer der ernsthaftesten und nachdenklichsten Autoren seiner Generation. Der Prosa-Monolog „Tynset“ (1965), sein vielleicht wichtigstes Buch, ist eine erschütternde Auseinandersetzung „mit der Geschichte, unserer Hoffnung und unserer Todesangst“ (Walter Jens). Ein schlafloser Erzähler liest im Telefonbuch, tätigt nachts anonyme Anrufe bei Nachbarn (untergetauchten Nazi-Verbrechern) und stellt Fragen wie „Fühlen Sie sich schuldig, Herr Huncke?“ Die Folgen sind entlarvend: „Das Opfer meines Anrufs trat aus dem Haus, zwei Koffer am Arm, bestieg das Taxi und fuhr davon.“

Hildesheimer war immer ein anderer. Kaum ein Œuvre erscheint vielgestaltiger. Alfred Döblin sagte einmal sinngemäß, jeder Stoff benötige seine ureigene Form. Wenn es jemanden gibt, der sich das zu Herzen genommen hat, ist es dieser umtriebige Schöpfer. 1984 teilte er der Welt mit, dass er sein Schreiben aufgrund zu erwartender Umweltkatastrophen einstelle. Jetzt ist es an der Zeit, Hildesheimer wieder zu entdecken.

Wolfgang Hildesheimer: „Die sichtbare Wirklichkeit bedeutet mir nichts“. Die Briefe an die Eltern. Hrsg. von Volker Jehle. Suhrkamp, Berlin 2016. 1584 Seiten, 78 €.

Stephan Braese: Jenseits der Pässe: Wolfgang Hildesheimer. Eine Biographie. Wallstein, Göttingen 2016. 588 S., 44,90 €.

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