100 Jahre Duchamps Pissoir : Die Kunst geht aufs Klo

Vor hundert Jahren machte Marcel Duchamp mit einem Pissoir in New York Revolution. Spülen Sie mit!

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Museumsstück. Duplikat von Marcel Duchamps "Fountain" von 1917.
Museumsstück. Duplikat von Marcel Duchamps "Fountain" von 1917.Foto: Ennio Leanza/Keystone/dpa

Der Moment, der die Kunstwelt radikal und für immer veränderte, lässt sich exakt nachvollziehen. Es geschah am 9. April 1917 in New York, als ein Franzose ein Pinkelbecken aus Porzellan in eine Kunstausstellung brachte. Das Werk nannte er „Fountain“. Es war Kunst, weil der Künstler es so wollte und definierte. Der Gegenstand des täglichen Lebens wurde aus dem Zusammenhang gerissen und in eine neue Umgebung gestellt. Man nennt es heute noch Readymade. Duchamp war ein Serientäter. Vor dem „Fountain“ hatte er bereits einen Flaschentrockner und ein Rad und verstörende kubistische Malerei ausgestellt.

Klar, dass es einen Skandal gab. Marcel Duchamp hatte ein riesiges Revier markiert. Aus dem Pissoir entsprang die Konzeptkunst, die Pop- Art. Die fette männliche Geste stand für den kuratorischen Ur-Akt: Ich bin der Größte, und ich habe den Größten. Es war so provokant wie produktiv – so wie Bäume pflanzen, Fettecken und Filzrollen bauen, Suppendosen malen. Ohne Duchamp kein Beuys, kein Warhol oder Koons. Duchamp ist das A und das Klo der modernen Kunst.

Wie schön, dass das Readymade-Jubiläum mit der Eröffnung der Documenta in Athen – und demnächst auch der Biennale in Venedig – zusammenfällt. Vieles, was dort zu sehen ist, hat mit Duchamp begonnen. Alles Material geht in die Kunst ein. Oft fühlt man sich in Biennale-Hallen wie in einem Baumarkt, in den der Blitz eingeschlagen hat. Bleiben wir in der Sanitärabteilung: Zu Ehren Duchamps hat sich das Frankfurter Städel Museum etwas Feines ausgedacht. Am Sonntag sind die Herrentoiletten dort für alle offen. Das ist erst einmal ein strahlendes Vorbild, eine Demonstration für das Unisex-Klo.

Im Städel wollen sie aber auch Kunst, Klo-Kunst. Besucherinnen und Besucher können den dann nicht mehr so stillen Ort für „eigene Aktionen“ nutzen, was auch immer da filmen und über soziale Netzwerke verbreiten. Spontan fällt einem da Nina Hagen ein, allerdings war es bei ihr „Auf’m Bahnhof Zoo im Damenklo“. Die junge Patti Smith besang das „Pissing in the River“.

Die Website des Museums bietet noch mehr an: „Eine öffentliche Führung um 16 Uhr zu dem Thema ,Duchamp & die Folgen: Readymades im Städel’ verknüpft Duchamps Kunstwerk mit der Städel-Sammlung. Der Treffpunkt der Führung ist ebenfalls das WC im ersten Untergeschoss.“ Und alles bei freiem Eintritt. Man muss am Eingang nur die Parole „Richard Mutt“ sagen (mit diesem Pseudonym signierte Duchamp das Pissoir). Museen in der ganzen Welt schließen sich der Aktion an. In Berlin macht der Hamburger Bahnhof mit. Das Codewort gilt am Sonntag zwischen 15 und 16 Uhr. „Richard Mutt“ öffnet die Türen.

Und auch das ist wahr, keine WC-Ente: Das Original des „Fountain“ ist verloren. Es existieren nur ein Foto und mehrere Duplikate. Spülen Sie mit!

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