Kultur : 100 Jahre Oscar Wilde: Vier Oscars und ein Todesfall

Susanna Nieder

Salomé liegt auf dem Diwan, halb aufgerichtet, und verzehrt sich nach dem Liebsten. Unterdessen sitzt Dorian Gray wie ein kleiner Junge mit einwärts gedrehten Füßen auf einem anderen Sofa und hört sich Lord Henrys Einflüsterungen an. An einem Tisch tauschen blasierte Herrschaften Bonmots aus, während Lady Bracknell Earnest empfiehlt, sich doch wenigstens einen Elternteil zuzulegen.

Wie nähert man sich Oscar Wilde 100 Jahre nach seinem Tod? Die Ivy Theatre Company stellt ein ehrgeiziges Projekt vor. Unter dem Titel "The Real Mystery of the World is the Visible" sind Schnipsel aus Wildes Romanen und Theaterstücken zusammengefasst, die Schlaglichter auf den messerscharfen Witz des Dandys und auf den Abgrund unter der makellosen Oberfläche perfekter Schönheit werfen. Regisseurin Silvia Germroth sucht eine zeitgemäße Form, die an Videoclips erinnert: Sie verteilt die Handlungsfragmente im feierlich getäfelten Meistersaal auf vier Bühnen und unterbricht den Text mit Musikstücken. Im Lauf des Abends werden sieben von Wildes Gedichten in einer Vertonung von Christian Messer vorgetragen.

Es würde an ein Wunder grenzen, wenn sich so unterschiedliche Elemente nahtlos ineinander fügten. Der schnelle Wechsel zwischen Komödie, Tragödie und vier Orten verlangt dem Zuschauer hohe Konzentration ab. Messers perlende, raschelnde, zischelnde Musik wirkt nicht als Bindeglied, sondern wie ein weiterer Gegenpol, und obwohl die Altistin Birthe Bendizen über eine majestätische Präsenz verfügt, ist der Text, den sie singt, nicht zu verstehen.

Was den Abend dennoch zu einem Erfolg macht, sind die sechs Akteure. Vor allem Tommy Lavelle zeigt als junger Dorian rührende Unschuld und als Earnest ausgeprägtes komisches Talent, während Megan Gays Salomé wie eine verletzte Sphinx ihre Wunden leckt.

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