100 Jahre Ufa : Traumfabrik und Todesmühle

Vor 100 Jahren wurde die Ufa gegründet. Ein Symposium diskutiert das Thema Zwangsarbeit bei der Filmgesellschaft.

von
Viktot Staal und Zarah Leander in "Die große Liebe" von 1942.
Viktot Staal und Zarah Leander in "Die große Liebe" von 1942.Foto: Stiftung Deutsche Kinemathek

Vier von einigen tausend, ausgewählt nach dem Zufallsprinzip: Petrus Jorissen, Jan Slicker, Jan Mulder, Louis Veran. Ihre Namen stehen in keinem Filmabspann. Dabei wären ohne Menschen wie sie viele Filme nie gedreht worden. Jorissen, Slicker, Mulder und Veran kamen 1941 als Zwangsarbeiter auf das Studiogelände der „Ufa-Stadt“ in Potsdam-Babelsberg und arbeiteten als Beleuchter, Bühnenarbeiter, Dekorateure oder bei der Instandhaltung des Außengeländes. Wahrscheinlich waren sie Anfang, Mitte zwanzig und gehörten zu den niederländischen Studenten, die verhaftet worden waren, weil die sich nach einem Attentat auf den NS-Statthalter Arthur Seyß-Inquart geweigert hatten, eine Loyalitätserklärung zu unterzeichnen. Holländer galten, ähnlich wie Franzosen, als „blutsverwandt mit den Ariern“, deshalb waren ihre Überlebenschancen relativ gut. Sogar Liebesverhältnisse mit deutschen Frauen wurden geduldet.

Rund 600 Zwangsarbeiter waren permanent bei der Ufa beschäftigt

Noch ein paar Namen: Marisa Schack, Anna Twerdaja, Maria Sawtschenko, Marija Nowikowa. Ihre Aussichten, Potsdam-Babelsberg lebend wieder verlassen zu können, waren wesentlich schlechter. Weil sie als so genannte Ostarbeiter zu den Angehörigen einer minderwertigen Spezies gerechnet wurden. Die Aufnäher „OST“ und „P“ (für Polen) auf ihrer Arbeitskleidung machte die Minderwertigkeit kenntlich. Selbst bei Bagatellvergehen, etwa Mundraub, fungierte die Todesstrafe als Regelstrafe. Die Ufa, größter Filmkonzern des Kontinents, war stolz darauf, ein „Kulturbetrieb“ zu sein. Dass sie noch bis 1944 mehr als sechzig Filme pro Jahr produzieren konnte, wäre ohne Zwangsarbeiter und KZ-Gefangene nicht möglich gewesen. Etwa 600 waren permanent auf dem Gelände beschäftigt

Doch die Sterblichkeitsrate der Sklavenarbeiter in der deutschen Traumfabrik war nicht geringer als bei den Babelsberger Arado-Flugzeugwerken. Die Historikerin Almuth Püschel, die erstmals umfassend die Geschichte der Ufa-Zwangsarbeiter erforscht und dabei auch das Sterbebuch der Stadt Potsdam ausgewertet hat, spricht von einer „normalen Monstrosität“. Denn Zwangsarbeit gehörte zur Normalität der Kriegswirklichkeit. 14 bis 15 Millionen Zwangsarbeiter und KZ- Häftlinge hielten in diesem „größten und grausamsten Fall von Sklavenhalterei seit den ägyptischen Pharaonen“, so die Anklage im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, die deutsche Wirtschaft am Laufen. Bis in den Untergang hinein.

Der Gründungszweck 1917 war: Propaganda

Die Ufa feiert Jubiläum, sie wurde vor hundert Jahren, am 18. Dezember 1917 als Universum Film auf Betreiben der deutschen Heeresleitung gegründet. Der Filmkonzern, so wollten es die Militärdikatoren Ludendorff und Hindenburg, sollte Propaganda liefern und staatsnah sein. Richtig gelungen ist das erst im „Dritten Reich“, nachdem Goebbels den Konzern 1937 verstaatlichte. Über die Ästhetik der Ufa, ihre Bildtraditionen, die Stars und deren Verstrickungen ist schon viel geschrieben und debattiert worden. Der Zwangsarbeiter-Komplex wurde dabei, wie bei vielen anderen Firmen, lange ausgespart. Unter dem Titel „Linientreu und populär“ hat das jetzt ein von der Deutschen Kinemathek, der Murnau-Stiftung und der heutigen UFA GmbH veranstaltetes Symposium im Berliner Filmmuseum geändert. Es diente zur Vorbereitung der Ausstellung „Die Ufa – Geschichte einer Marke“, die im November eröffnet werden soll. Die deutsche Filmgeschichte, das zeigten die Vorträge, muss umgeschrieben werden. Jedenfalls ein bisschen.

Ganze Familien wurden nach Potsdam-Babelsberg verschleppt

Man wusste, dass der Ufa-Propagandafilm „Germanin – Die Geschichte einer kolonialen Tat“ mit französischen Kriegsgefangenen gedreht wurde, deren dunkle Hautfarbe sie als Afrikaner erscheinen ließ. Man wusste, dass Leni Riefenstahl für ihre Opernverfilmung „Tiefland“ – keine Ufa-Produktion, aber teilweise in Babelsberg verwirklicht – auf Sinti und Roma aus „Zigeunerlagern“ in Berlin-Marzahn und Salzburg zurückgriff. Viele unfreiwillige Komparsen starben in Auschwitz, von ihnen blieben nur die Standfotos aus dem Film.

Nicht wissen wollte man hingegen bislang, dass es sich bei den „Ostarbeiterinnen“ und „Ostarbeitern“ auf den Listen der Ufa mehrheitlich um ganze Familien handelte, verschleppt nach Potsdam.Die Russin Jewgenia Jakolewa Gromowa, Jahrgang 1928 erinnert sich: „Vater war an der Front. Mutter erzog uns drei Kinder. Nach einer Polizeidurchsuchung brachte man uns Jungen und Mädchen in ein Sammellager. Das war im Herbst 1943. Mein Endpunkt war das Lager Babelsberg. Zur Arbeit wurden wir frühmorgens in einer kleinen Kolonne geführt. Eine Schicht dauerte 12 bis 14 Stunden.“ Kleinkinder blieben tagsüber sich selbst überlassen, meist starben sie an Mangelernährung oder Seuchen. „Begraben wurden die Kinder“, so Almuth Püschel, „wie alle toten Zwangsarbeiter, namenlos in Reihengräbern.“

Die Deutschen strömten freiwillig in Propagandafilme

War Alfred Hugenberg der Wegbereiter einer NS-Ufa? Der Filmhistoriker Friedemann Beyer antwortet überraschend mit „Nein“. Hugenberg, Zeitungsmagnat und Wirtschaftsminister unter Hitler, hatte die Ufa 1927 übernommen, nach deren Debakel mit dem „Großfilm“ Metropolis. Doch Hugenberg ging es ums Geldverdienen, die Produktion von nationalen Stoffen wurde unter seiner Ägide nicht gesteigert. Das Studio, so Beyer, war unter Hugenberg „kein Hort des Widerstands, aber auch keine Außenstelle des Propagandaministeriums.“

Die Ufa sei im nationalsozialistischen Deutschland „kein übermächtiger Konzern“ gewesen, sagt Joseph Garncarz. Nach Kriegsbeginn hatte das Studio mit Konkurrenten wie Terra, Tobis oder Bavaria zu kämpfen, die immer aufwändigere Filme herausbrachten. Der Kölner Professor arbeitet an einer Auswertung von Daten zum Erfolg der Filme zwischen 1933 und 1945. Kinogänger erwarteten laut Garncarz gute Unterhaltung, und wenn sie sich für ein antisemitisches Melodram wie „Jud Süß“ (20 Millionen Zuschauer) entschieden, hatte sich der Antisemitismus bei ihnen bereits verfestigt. Seine These ist niederschmetternd: Der Antisemitismus der Deutschen muss von 1939 bis 1945 noch gewachsen sein, Propagandafilme wurden immer beliebter.

Die UFA GmbH macht heute mit Filmen wie „Rommel“, „Die Flucht“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“ Geschichte zu Hochglanzunterhaltung. Das sei „kein Kalkül“, sondern Folge seiner Familiengeschichte, erzählte Produzent Nico Hofmann. Sein Vater war Wehrmachtssoldat, die Mutter wurde im „Bund Deutscher Mädel“ sozialisiert. Seit ein paar Jahren bereitet die Firma einen Hitler-Mehrteiler vor. Die Zusammenarbeit mit RTL platzte, nun setzt man auf Streamingdienste. Auseinandersetzung solle die Serie sein, kein Biopic. „Kann auch sein, dass es scheitert“, sagt Hofmann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar