200-jähriges Jubiläum : Der Fall Richard Wagner

Am Mittwoch wäre Richard Wagner 200 Jahre alt geworden. Der Germanist und Romantik-Experte Norbert Miller schreibt hier über den umstrittenen Komponisten - den Pionier des Regietheaters, der für heutige Regisseure Chance und Bürde zugleich bedeutet.

Norbert Miller
Die Bronzebüste von Richard Wagner (22.5.1813 - 13.2.1883) im Park vor dem Bayreuther Festspielhaus in Bayreuth. Der als NS-Bildhauer umstrittene Arno Breker hat sie im Auftrag der Stadt 1986 gefertigt.
Die Bronzebüste von Richard Wagner (22.5.1813 - 13.2.1883) im Park vor dem Bayreuther Festspielhaus in Bayreuth. Der als...Foto: dpa

Denkjahre und Jubliäumsfeiern haben die Tendenz, ihren Gegenstand entschlossen ins Vergessen zu stoßen – über dem Versuch, jedes Indiz des Fortlebens wie einen altmodischen Fidibus zum Anzünden der behaupteten Aktualität zu präparieren. „Non e morto!“ versichert der Reiseführer am Vesuv, wenn er eine Zeitung in eine gerade noch rauchende Spalte hält und sich über das kleine Feuer freut. „Non sono morti!“ – das gilt 2013 für drei Dramatiker des Jahrgangs 1813, deren Präsenz auf den Bühnen der Welt noch ungefährdet ist: Giuseppe Verdi und Richard Wagner, die Antagonisten von damals, in der Fernwirkung auch Georg Büchner.

Bei allen drei werden die größten Anstrengungen unternommen, den Jahrestag als Ereignis sichtbar zu machen. Werkausgaben drängen ihrem Abschluss zu, den sie wie üblich nicht erreichen. Immerhin, die letzten Bände der 1968 von Carl Dahlhaus begründeten Wagner-Gesamtausgabe, die dramatischen Jugendwerke betreffend, stehen vor der Fertigstellung. Die provisorisch begonnene Sammlung der Briefe ist auf gutem, wenn auch noch langem Wege. Und rechtzeitig zum Jubiläum sind die öffentlichen Mittel bereitgestellt, um die Dichtungen und Schriften aus den Quellen in einer kritischen Gesamtausgabe neu zu erschließen. Wenn auch bei Verdi die kritische Sichtung des Werks nur schleppend und die Sammlung seiner großartigen Briefe überhaupt nicht vorankommt, so manifestiert sich seine Allgegenwart wie die von Wagner in einer Unzahl von CD- und DVD-Zyklen für Jäger und Sammler.

Bei Wagner liegt der Fall noch anders; denn er ist der Fall Wagner. Umstritten und gegen alle Widerstände erfolgreich ist der Musikdramatiker seit der Dresdner Premiere seines „Rienzi“ 1842. Schon zu Lebzeiten stand er in schroffer Opposition zur herrschenden Kunstauffassung der anderen Romantiker, von denen er einmal ausgegangen war. Die unbedingte, bis zur Selbstzerstörung reichende Auslieferung an die eigene Sendung führte zu einer machtvollen Isolation in der Musikwelt und der Gesellschaft seiner Zeit. Einerseits wegen der früh gefundenen, immer weiter vorangetriebenen Metamorphose des Theaters, andererseits wegen der Welterklärung aus dem angewandten Mythos, der den Umsturz der Verhältnisse einschließt.

Nach der Rückkehr des Revolutionärs aus dem Schweizer Exil schloss er ein Bündnis mit dem jungen König von Bayern, umgab sich in München und später in Bayreuth mit einem Freundeskreis, der ihm huldigte und den man als Kunstpartei der Neudeutschen umschreiben kann.

Aus altem Hass und neuem Kalkül ließ er sich auf wüste Abrechnungen mit seinen Gegnern ein und machte sich zum Wortführer eines Antisemitismus, für den die Begleichung alter, in seinem Kopf aufgehäufter Rechnungen mit seinem Förderer Giacomo Meyerbeer und mit Felix Mendelssohn Bartholdy nur den Anlass boten. Zum Fall Wagner wurde das Für und Wider aber erst durch die Verstrickung des Hauses Wahnfried mit dem Nationalsozialismus. Das entfachte nach 1945 jene bis heute anhaltende Debatte um Wagners Stellung im Liberalismus seiner Epoche. Und um eine verschlüsselte, in ihren Botschaften jedoch unmissverständliche Kunstreligion, die im Grünen Hügel Bayreuths schon zu Wagners Lebzeiten ihren Tempel gefunden hatte.

Die radikale Neudeutung der Musikdramen durch Wieland Wagner ab 1951 stand zwar im Zeichen einer nur zögerlichen Bewältigung der eigenen Vergangenheit. Aber sie bot den Anstoß für eine vielfältig geführte Auseinandersetzung. Theodor W. Adorno und Hans Mayer, Peter Wapnewski und Carl Dahlhaus, John Deathridge und Egon Voss schufen die Grundlagen für einen kritischen Umgang mit dem dramatischen Schaffen, der Bühnenverwirklichung, dem Verhältnis von Ideologie und Kunstautonomie. Erst so lässt sich Wagners Kosmos ganz in seinen Tiefendimensionen ausloten.

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