200 Jahre Fotografiegeschichte : Pola, Marlene und die anderen

Rares und Wahres aus 200 Jahren: Das Berliner Museum für Fotografie zeigt Serien und Reihen aus der Sammlung der Kunstbibliothek.

Giacomo Maihofer
Die große Stummfilmikone, nachdenklich, fast unnahbar.
Die große Stummfilmikone, nachdenklich, fast unnahbar.Brigitte von Klitzing

Das Erste, was man sieht: Marlene Dietrich. Groß, fast überlebensgroß. Es sind die späten 20er Jahre. Marlene Dietrich ist – wie sie selbst später sagen wird – noch ein Niemand. Neben der Schauspielerei verdient sie ihr Geld als Model, mit Fotos wie dem von Martin Badekow, der ein Atelier am Kurfürstendamm betreibt. Beide sind Profis: Die Dietrich legt ein hauchdünnes Lächeln auf zum kurzen Kleid, Badekow setzt ihre langen, später so berühmten Beine gekonnt in Szene. Das Bild verkauft er an eine Berliner Illustrierte. Man reißt sich damals darum.

Direkt an der Wand gegenüber hängt Pola Negri, die Stummfilmikone der 30er Jahre, aufgenommen von Brigitte von Klitzing im Atelier Sandau Unter den Linden. Klitzing hat damals alle fotografiert: Charlie Chaplin, Greta Garbo, Himmler, Goebbels, selbst die Kaiserfamilie. Pola Negri inszeniert sie unnahbar, mit kühler Lichtregie, in Pelz, den Kopf zur Seite geneigt, als Eiskönigin. Größer könnte der Kontrast nicht sein, den diese beiden Starporträts ausstrahlen.

Die Aufnahmen sind ein gelungener Einstieg in die ambitionierte Ausstellung im Kaisersaal des Museums für Fotografie. Über 180 Bilder von mehr als 45 Fotografen hat Ludger Derenthal, Leiter der Sammlung der Kunstbibliothek, zusammengetragen. Unter dem Titel „Ein Foto kommt selten allein“ demonstriert er erstmalig die Ausdruckskraft und Vielfalt der modernen Reihen- und Serienfotografie. Nebeneinander platzierte Bilder kommunizieren miteinander, sie können sich widersprechen oder ergänzen, den Betrachter auch mal hinters Licht führen wie die aufwendigen Fotogramme von Man Ray oder Gerda Schütte. Ihre Werke entstanden ganz ohne Kamera. Die zwischen Fotopapier und einem Arrangement aus Lampen belichteten Objekte zeigen schwarz- weiße Schemen, abstrakte Formen, und fordern damit unsere Sehgewohnheiten heraus. Der ausgeleuchtete Schatten erscheint hell umrissen, das Dunkle ist das Licht, der naive Betrachter der Gefoppte.

Glanz und Glamour

Die Ausstellung bemüht Glanz und Glamour, sie vereint bedeutende Fotokünstler der letzten 200 Jahre. Boris Mikhailovs prophetische Dokumentaraufnahmen einer zerfallenden Sowjetunion aus dem Sommer 1991, aufgenommen in seiner Heimatstadt Charkow, sind genauso zu bestaunen wie Francesca Woodmans expressive Selbstporträts, die sie zwei Jahre vor ihrem tragischen Selbstmord 1981 machte, oder der geisterhafte Tellertraum des Künstlerpaares Anna und Gerhard Blume.

Neben den Starfotografen sind wundervolle Raritäten zu entdecken. Zum Beispiel von Josef Faustin, der im Berliner Osten der 30er Jahre ein kleines Fotoatelier führt. Über die Jahre porträtiert er immer wieder sich selbst: spielend, spaßend, den Kopf ernst zur Seite geneigt, Pfeife im Mund, mit Polizeihelm – erst zuletzt als Fotograf. Die Bilder entstanden, wenn mal wieder kein Kunde vorbeikam, aus Langeweile, Experimentierlust. Die ersten Selfies, könnte man sagen.

Ein letzter Blick auf Karl Friedrich Schinkels Statuen.
Ein letzter Blick auf Karl Friedrich Schinkels Statuen.Hillert Ibbeken

Besonders schön sind die Erinnerungsmomente an ein altes Berlin: die Stadt mal in historischem Gloria, mal im Zerfall. Darunter befinden sich seltene Aufnahmen der Ruine des Museums für Kunst und Gewerbe von Barbara Klemm aus dem Jahr 1978. Später wird das Haus glanzvoll als Martin-Gropius-Bau wiederauferstehen. Ein letzter Blick gehört den majestätischen Skulpturen von Karl Friedrich Schinkel. Hillert Ibbeken fing ihn ein in der Friedrichswerderschen Kirche, bevor sie 2012 aufgrund des benachbarten Baustellendebakels leer geräumt werden musste, nachdem Risse im Gemäuer aufgetaucht waren

Noch mal dasselbe? Ihre Kneipen-Bilder hat die Fotografin Helga Paris in den Siebzigern beim
Noch mal dasselbe? Ihre Kneipen-Bilder hat die Fotografin Helga Paris in den Siebzigern beimHelga Paris

Kleines Manko

Von Helga Paris stammen Bildnisse aus einer Berliner Ostkneipe, wie man sie heute nicht mehr finden kann. Statt wie Boris Mikhailov eine harte dokumentierende Distanz zu wahren, hat sich die Künstlerin zu den Leuten an den Tisch gesetzt, mit ihnen Bier getrunken, Gespräche geführt, sie spontan im richtigen Moment fotografiert. Diese Authentizität ist zu spüren in der Nähe der Porträtierten, der Unverfrorenheit ihrer Blicke.

2013 hat die Kunstbibliothek Helga Paris’ Serie angekauft. Andere, wie Mikhailovs Charkow-Bilder, wurden von den Fotografen selbst der Sammlung geschenkt oder von Gönnern übergeben.

Die eindrucksvolle Schau ist auch als Geste des Dankes zu verstehen. Sie demonstriert gleichzeitig, dass sich die Berliner Sammlung trotz ihres langen Dornröschenschlafes in der Nachkriegszeit heute nicht mehr verstecken muss. Das Vergnügen trübt allerdings die marginale kuratorische Hinführung. Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber ein einzelner Einführungstext und jeweils nur ein Sechszeiler neben den Bildern reichen nicht aus, um die vielfältigen Bezüge aufzuzeigen, die sich in diesen 200 Jahren Fotografiegeschichte finden lassen. Der Besucher staunt am Ende nicht nur über die vielfältigen Bilderreihen, sondern auch über die verpasste Chance.

Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, bis 5. Juni, Di–So, 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr.