Kultur : 35 Meter nach Südwest

Steffen Richter

sucht Sumatra „Alles“, spricht der Optimist Pangloss, „ist gut, wie es ist.“ Da hat ein Erdbeben gerade zwei Drittel der Stadt Lissabon zerstört. 60000 Menschen sind gestorben. Doch Pangloss, der Lehrmeister des Candide, hält unverdrossen daran fest, in der besten aller Welten zu leben. Die Szene aus Voltaires philosophischer Satire „Candide“ spielt im November 1755, als das Erdbeben von Lissabon den Fortschrittsglauben der Aufklärung erschütterte. Nach dem Beben stand die portugiesische Hauptstadt in Flammen und eine Flutwelle rollte auf sie zu – ein Tsunami.

Ein moderner Käptn Ahab würde vermutlich seinen Augen nicht trauen. Auf der Suche nach Moby Dick, dem Furcht erregenden weißen Wal, muss das Walfängerschiff Pequod nämlich den großen Kalmar sichten, einen ordinären Pottfisch erlegen und schließlich vor Piraten fliehen. Dabei segelt es durch die Sunda-Straße, eine Meerenge zwischen den Inseln Sumatra und Java. Nun hat sich Sumatra durch das kürzliche Seebeben um etwa 35 Meter nach Südwesten verschoben. Ahab heute, über moderne Navigationsinstrumente gebeugt, geriete wohl ins Grübeln. Auch die Karten der verwüsteten Region müssen neu gezeichnet werden.

Die Weltkarte der Literatur wurde bereits in den Zwanzigerjahren kräftig überarbeitet. Da setzte jenes „Melville Revival“ ein, das noch immer nicht abgeebbt ist. Dabei hatte sich der Autor gerade mit Moby Dick (1851), der „literarischen Unabhängigkeitserklärung“ der USA, tief ins ökonomische Desaster geschrieben. Ganze 3215 Exemplare wurden zu seinen Lebzeiten in den USA verkauft. Kaum einer konnte mit dem genialen Genremix etwas anfangen. Da wird gepredigt und geflucht, philosophische und religiöse Traktate verwachsen mit abenteuerlichem Seemannsgarn und der Walkunde.

Für Übersetzer war Melvilles 800-Seiten-Koloss stets eine Herausforderung. Matthias Jendis hat das Kunststück fertig gebracht, ohne nennenswerte Abstriche an Melvilles Diktion einen höchst lesbaren „Moby Dick“ (Hanser) zu liefern. Deshalb sollten Sie Ihre Schritte am 7.1. (20 Uhr) in die Literaturwerkstatt lenken, wo Jendis über den Meister der Leviathan-Literatur diskutiert. Melville hätte Pangloss’ Rede von der besten aller Welten nur ein müdes Lächeln entlockt. Sein Erzähler Ismael war auf der Hut: „Wenn ich das Gute auch nicht übersehe, habe ich doch ein waches Auge für das Grauen.“

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