Kultur : 49. Kunst-Biennale von Venedig: Der einzog, das Fürchten zu lehren

Katrin Wittneven

Die drin waren, sehen sich wissend an und senken die Stimme. Doch zunächst ist eine lange Schlange zu bewältigen, und während am kanadischen Pavillon nebenan freundliche junge Damen regelmäßig über die verbleibende Wartezeit informieren, strahlt am deutschen Pavillon sein düsteres Inneres nach Außen. Zwei Stunden Wartezeit sind Minimum für das "Tote Haus ur". Aber man harrt dennoch aus, denn seit längerem ist der Name von Gregor Schneider in der Kunstwelt mit Faszination und Grusel gleichermaßen verbunden - und jetzt hat Schneider für seine Arbeit auch noch den prestigeträchtigen "Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag" der 49. Kunst-Biennale von Venedig zugesprochen bekommen. Und nur wenige kennen das Mietshaus in der Unterheydener Straße 12 im niederrheinischen Rheydt, in dem der 1969 geborenen Künstler seit seinem sechzehnten Lebensjahr lebt und arbeitet.

Schicht für Schicht hat er es verändert: Fenster wurden zugemauert, die Tageszeiten durch künstliches Licht manipuliert, ein Ventilator ersetzte Frischluft. Schneider zog immer neue Mauern hinein, Zwischenräume entstanden, Schächte und Hohlräume, die zu neuen Räumen führten oder im Nichts endeten. Die Isolation ging Schicht für Schicht weiter bis zu einem vollständig abgeschlossenen Raum, ausgekleidet mit Bleiplatten aus der väterlichen Fabrikation.

Inzwischen gibt es das Haus in dieser Form nicht mehr. Ausgeweidet wurde es vom Künstler selbst - und den faszinierten Sammlern und Museen. Allein für den deutschen Pavillon auf der 49. Kunst-Biennale in Venedig hat Schneider es noch einmal zusammengesetzt. Die Einzelteile kamen aus Warschau, Florida und natürlich Rheydt. Zehn Lastwagen mit knapp hundert Tonnen Material mussten nach Venedig gebracht werden. Drei Monate lang arbeitete Schneider mit seinem Team. Was sind dagegen zwei Stunden in der Schlange? Jeweils nur fünfzehn Personen dürfen sich gleichzeitig im Haus aufhalten - mehr Platz ist nicht in den klaustrophobisch engen Räumen.

Was ist das für ein Mensch, der mit vierzehn Jahren seine erste Ausstellung mit gemalten nackten Mädchen veranstaltete und diese "Pubertäre Verstimmungen" nannte? Der sich selbst begraben und dabei fotografiert hat? Er sprang von Baum zu Baum und machte dabei Schwimmbewegungen, "weil ja jeder Baum eine Welt ist, und zwischen jeder Welt Wasser ist". Der ausgemustert wurde, als er von seinen Umbauarbeiten erzählte. "Zeit gespart", sagte er sich, und begann nach dem Abitur ein Studium an den Kunstakademien von Münster, Düsseldorf und Hamburg. Fasziniert vom Schrei als größtmöglichem menschlicher Ausdruck machte er die Stelle im Wald ausfindig, an der eine Kunststudentin umgebracht worden war. So studierte er die Veränderung von Orten durch Ereignisse, die an ihnen stattgefunden haben, und interessierte sich für den kanadischen Künstler John Fare, der sich selbst mit einer Amputationsmaschine nach und nach tötete. Das ist Stoff, aus dem Künstlermythen gewebt werden.

So gar nicht politisch

Die Tür des deutschen Pavillons ist endlich erreicht. Dessen Architektur gilt als belastet, seit Joseph Goebbels ihm 1936 die bis heute unveränderte Monumentalität aufsetzen ließ. Joseph Beuys reagierte 1976 darauf, indem er ein Loch bis zum Boden der Lagune bohrte und das Gebäude neu verankerte. Hans Haacke zertrümmerte 1993 symbolschwer den Travertinboden, prompt prämiiert mit dem Goldenen Löwen.

Diesmal hat Gregor Schneider die Auszeichnung bekommen für eine Arbeit, die so gar nicht politisch sein will. Sein Name an der Eingangstür ist durchgestrichen. Ein erster Schauer bei der schlichten Eingangstür, verstärkt dann auf der engen Treppe; im Keller Pfützen, es modert. Gregor Schneider "tötet" Räume, aber er macht sie auch lebendig. Die Wände scheinen ein Eigenleben zu führen, bedrängen den Besucher und bilden den denkbar größten Kontrast zur Kulissenstadt Venedig. Man tastet sich weiter in einen Raum, der nur auf den ersten Blick an eine biedere Einbauküche erinnert. Feucht ist es, von Farbe und Mörtel, und unter dem Tisch wuchert Schimmel.

Dahinter öffnet sich eine Tür nur einen Spalt, aber so weit, dass man gerade hindurchpasst. Der schmale Zwischenraum hinter der Wand macht sichtbar, dass der vorige Raum nachträglich eingebaut wurde. Nun verliert man endgültig die Orientierung. Ein Schlitz führt in den nächsten Raum, und einen Augenblick lang scheint man sich in den privaten Schlafraum den Künstlers verirrt zu haben. Schmale Betten, zerwühlte Laken, eine Kaffeemaschine. Der Ausriss aus einem Pornoheft, ein verendetes Insekt: Alles scheint benutzt und keineswegs inszeniert zu sein. Unwohlsein bringt es vielleicht noch am besten auf den Punkt, dieses Gefühl, im ganzen Haus beobachtet zu werden, als sei jemand auf der anderen Seite der Wand. Es erinnerte auf subtile Weise an einen Gang durchs Horrorkabinett oder Gregor Samsas Käferwirklichkeit. Wie David Lynch in seinen frühen Filmen inszeniert Schneider das Grauen der Alltäglichkeit und verpackt es in Chiffren, die allein durch die Vorstellungskraft entschlüsselt werden können. So wohnen Psychopathen.

Die beklemmende Atmosphäre schafft es dann auch, das "Tote Haus ur" nicht allein zum Gruselparcours auf der Biennale der Eitelkeiten werden zu lassen. Nach reichlich Videogeplänkel und viel zu vielen, oft sehr kurz gedachten Installationen durch die der Besucher eher gelangweilt hindurchschlendert, wird er im deutschen Pavillon für einen Moment auf sich selbst zurückgeworfen. Der Horror entsteht durch Schneiders subtiles Arrangement im Kopf jedes Einzelnen, und für einen - mit einem Mal schweißtreibend langen - Augenblick ist man ganz mit sich, seinen Ängsten und seiner Imagination allein. Zweifellos war auch dies ein Grund für die Jury, die Arbeit Gregor Schneiders mit dem Goldenen Löwen zu ehren.

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