68er-Generation : Hat mir keiner gesagt!

Über die 68er-Revolte und ihre Folgen ist alles gesagt. Oder nicht? Solange Zeitzeugen leben, wird darüber gesprochen werden, das ist der ganz normale Gang der Dinge. Bernhard Schulz über die Erinnerungslust.

Bernhard Schulz

Es ist müßig, sich über die (Selbst-)Beweihräucherung ebenso wie über die Verdammung von ’68 aufzuregen, mit der wir es seit dem vergangenen Jahr zu tun haben.

Soll doch auch die Akademie der Künste ruhig ihre Diskussionen zum Thema veranstalten! Bunt gemischt saß man auf dem Podium, Jung und Alt, Zeitzeugen und Nachgeborene. Dass die Akademie ihre eigene Rolle im Jahr 1968 hätte diskutieren können, die im Abseits nämlich – geschenkt. So wurde munter palavert, von Klaus Schütz (81) bis Tanja Dückers (39), Neues kam nicht heraus. Ja, es war einfach, Schütz in die Ecke zu drängen, was sich der gewohnt selbstgefällige Mathias Greffrath als Moderator nicht entgehen ließ. Die Verachtung aller bürgerlichen Umgangsformen ist schließlich eine Errungenschaft von ’68! In den Zuschauerreihen kam ein Hauch von „Schützchen, nimm dein Mützchen“-Stimmung auf, als der damalige Regierende Bürgermeister bekannte, er wisse „noch immer nicht, worum es bei diesen Studentenprotesten“ gegangen sei: „Es hat mir auch keiner gesagt.“ Die bedenkenswerten Anmerkungen, die Schütz gleichwohl zur damaligen Situation West-Berlins machte – so benutzte er das nur noch Älteren geläufige Wort „Schutzmächte“ –, fanden am Mittwochabend keinen Widerhall.

Um die Erkenntnis von Geschichte geht es bei solchen Veranstaltungen nicht. Es geht um die Behauptung von Positionen. Die abgewogenste kam von Johano Strasser – Elitenablösung, fünfziger Jahre, die „uun-glauub-liche Enge der Republik“ –, aber der Mann ist seit jeher Sozi; wie auch Akademiepräsident Klaus Staeck, der mit Schwänken aus Heidelberger Studententagen – „der ganze SDS passte auf eine Bettkante des Wohnheims!“ – aufwartete. „Es war eine unglaublich heterogene Bewegung“, wies Strasser auf die unterschiedlichen Perspektiven hin, aus denen man ’68 betrachten kann. Das Wort „Bewegung“ rutschte ihm ganz selbstverständlich durch, auch daran lässt sich erahnen, dass die Abrechnung mit der Nazivergangenheit, die sich die 68er so gern zuschreiben, eine Legende ist. Der Protest gegen den Vietnamkrieg, der „Anti-Imperialismus“, die Ikone Che waren die verbindenden Momente. „Nixon Mörder, Brandt Komplize“ – kennt das noch jemand? Oder: „USA, SA, SS“? Stattdessen gefiel sich das Podium in der Behauptung, dass Brandts Ostpolitik erst durch ’68 möglich wurde. Und die Befreiung, die berühmte „Emanzipation“? „Ich bin ’68 nicht befreit worden“, grummelte der kriegsversehrte Schütz, „ich bin ’45 befreit worden!“ Gut, dass wenigstens einer daran erinnert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben