75 Jahre Haus der Kunst München : Von Speer bis Picasso

Ausstellungsort mit Widersprüchen: Vor 75 Jahren wurde das Münchner Haus der Kunst eingeweiht - von Adolf Hitler.

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Juli 1937. Adolf Hitler bei der Eröffnung des „Hauses der Deutschen Kunst“ in München.
Juli 1937. Adolf Hitler bei der Eröffnung des „Hauses der Deutschen Kunst“ in München.Foto: Ullstein

Ein Jubiläum der ambivalenten Art, genauer gesagt sind es zwei. Gestern vor 75 Jahren übergab Adolf Hitler in München das Haus der deutschen Kunst mit einem pompösen Festakt der Öffentlichkeit; einen Tag später, am 19. Juli 1937, wurde unweit der Prinzregentenstraße, in den Hofgartenarkaden, die Ausstellung „Entartete Kunst“ eröffnet. Soll man diese Jubiläen begehen, und wenn ja, wie? Mit Symposien, Ausstellungen, Rekonstruktionen? Die Ausstellung „Entartete Kunst“ wird stets der weiße Fleck, das klaffende Loch in der deutschen Museumsgeschichte bleiben. Die Folgen der damit eröffneten Säuberungsaktionen in den Museen durch die Nationalsozialisten sind bis in die Gegenwart zu spüren (siehe den Text links auf dieser Seite). Sie spielen nicht zuletzt auch eine wichtige Rolle in der Berliner Diskussion um die Notwendigkeit eines zu gründenden Museums des 20. Jahrhunderts in den Räumen der heutigen Gemäldegalerie. Der Versuch, die damals geschlagenen Lücken wieder zu schließen, ist bis heute eine vordringliche Aufgabe der Kuratoren.

Während das eine Jubiläum schmerzlich an den Versuch einer Auslöschung erinnert, die Vernichtung von Kunst und die Verfolgung von Künstlern, hat das andere nach wie vor eine brachiale Präsenz in Form seiner unversehrten Architektur. Das Haus der Kunst hat den Krieg erstaunlich unbeschadet überstanden. Dieser erste Monumentalbau des NS-Regimes, entworfen von Paul Ludwig Troost, steht mit seinem Säulenportikus noch immer trutzig am Rande des Englischen Gartens. Sogar als Ausstellungshaus hat es überlebt, nachdem es während der amerikanischen Besatzung vorübergehend als Offizierscasino diente. Dieser ambivalenten Ausgangssituation mussten sich seither alle Direktoren stellen, die das vor 20 Jahren in eine Stiftung umgewandelte Haus leiteten: Christoph Vitali, Chris Dercon und nun Okwui Enwezor.

Wie in einer Zeitmaschine reisen sie alle immer weiter in die Vergangenheit zurück. Unter Dercon begann der „kritische Rückbau“ des Hauses. Bauliche Veränderungen an der Originalsubstanz im Inneren, die in den sechziger Jahren noch als ein Akt der Entnazifizierung galten, wurden von ihm revidiert, um den Blick auf den Ursprung des Hauses freizulegen. Okwui Enwezor, der die Leitung im Oktober 2011 übernahm, ist sogar dezidiert mit dem Anspruch angetreten, die Geschichte des Hauses weiter zu erforschen, das bis 1944 Ort der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ war. Und er hat sich noch mehr dem ursprünglichen Zustand angenähert. Der aus Nigeria stammende Kurator und einstige Documenta-Macher ließ die von Dercon eingezogenen grauen Vorhänge in der Eingangshalle entfernen, um die pathetische Wirkung des gewaltigen Entrees ungehindert wirken zu lassen. Der ehrfürchtig eintretende Besucher fühlt sich wieder klein und blickt frei zu jener Stirnseite, vor der Hitler seine Reden zu Kunst und Volksgesundheit hielt.

Doch Enwezor belässt es nicht dabei. Er bat den Schweizer Konzeptkünstler Christian Philipp Müller, die Ausstellung „Geschichten im Konflikt: Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937-1955“ einzurichten. Der platzierte genau an jener Stirnwand das Riesenfoto eines Mannequins von der ersten Nachkriegsmodenschau. Diese Verschränkung von zwei Zeitebenen ist ein erster Schritt auf dem Weg zum „reflexiven Museum“, wie es Enwezor vorschwebt. Die gleiche Methode wendet Müller auch an der Front des Hauses an, wo er vom Portikus Tarnnetze herunterhängen lässt, wie sie zum Kriegsende angebracht waren, um das Haus vor den Augen der Bombenflieger zu verbergen.

Diese erste Schau (bis 13. Januar 2013) soll in eine Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses überleiten. Sie lenkt den Blick vor und zurück, indem sie daran erinnert, wie nahe nationalsozialistische Propaganda und künstlerischer Widerstand hier einander kamen. Als Albert Speer 1937 im deutschen Pavillon der Pariser Weltausstellung das acht Meter lange Modell vom Haus der deutschen Kunst präsentierte, hing im spanischen Pavillon „Guernica“, Picassos Fanal gegen den Krieg. 1955 wurde das Gemälde im Rahmen der „Picasso“-Ausstellung in München im Haus der Kunst selbst gezeigt – um an die verlorenen Avantgarden wieder anzuknüpfen. Im selben Jahr eröffnete in Kassel die erste Documenta.

Mit Enwezor stellt sich das Haus der Kunst offensiv seinem paradoxen Erbe, einerseits zu bewahren, was man andererseits überwunden hat. Dort, wo Hitler donnerte und seine verqueren ästhetischen Vorstellungen jährlich zum „Tag der Deutschen Kunst“ von sich gab, befindet sich heute die „public plaza“. Die vom Land Bayern zugesagten 57 Millionen zur Sanierung des Hauses und technischen Aufrüstung des Westflügels sowie einer weiteren Galerie sichern den Fortbestand als Ausstellungsinstitution. Mit allen Widersprüchen. Nicola Kuhn

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