80 Jahre Machtergreifung : Ausstellungen in Berlin: Eine Stadt zerstört sich selbst

Kultur und Barbarei: 80 Jahre nach Hitlers Machtantritt erinnern hunderte Ausstellungen in ganz Berlin an die Zerschlagung der Demokratie. Wir haben vorab die wichtigsten für Sie besucht.

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80 Jahre nach dem Machtantritt Adolf Hitlers startet Berlin mit hunderten Ausstellungen ins Themenjahr "Zerstörte Vielfalt" Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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29.01.2013 16:5880 Jahre nach dem Machtantritt Adolf Hitlers startet Berlin mit hunderten Ausstellungen ins Themenjahr "Zerstörte Vielfalt"

Sonnige Tage, lachende Gäste. Die Straßenterrasse des Cafés Wien am Kurfürstendamm ist überfüllt. Herren in dunklen Anzügen und Damen mit eleganten glockenförmigen Hüten lassen sich Kaffee und Kuchen servieren. Das Foto stammt aus der Spätphase der Weimarer Republik, aber von einer Krise ist nichts zu spüren. Ein paar Meter weiter werden Ausschnitte aus Walter Ruttmanns berühmten Stummfilm „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ auf zwei Großleinwände projiziert. Passanten hasten zwischen Limousinen und Straßenbahnen über eine Kreuzung. So beginnt die Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ im Deutschen Historischen Museum: mit einer Beschwörung jener brausenden, kulturell in höchster Blüte stehenden Metropole, die dem Untergang geweiht war, als die Nationalsozialisten heute vor achtzig Jahren, am 30. Januar 1933, die Macht übernahmen (bis 10.11, tgl. 10–18 Uhr).

Damals starb die erste deutsche Demokratie, es war ein Tod nach langem Siechtum. In der Ausstellung muss man hinter der Wand mit der riesenhaft vergrößerten Caféterrassenansicht nur um eine Ecke biegen, um zu sehen, warum die Weimarer Republik zugrunde ging: Weil es zu wenige Republikaner gab, die sich zu ihr bekannten, und weil ihre Gegner schon lange vor dem 30. Januar die Straße beherrschten. Da liegen in einer Vitrine die Propagandabroschüren der konkurrierenden Extremisten friedlich nebeneinander: Die Nationalsozialisten versprechen „Wie wir Arbeit und Brot schaffen“, und die Kommunisten versichern: „Erwerbslose! Ihr seid eine Mauer.“ Die Weltwirtschaftskrise schuf den Nährboden für radikale Parolen. 1931 war in Berlin beinahe jeder dritte Erwerbsfähige ohne Arbeit. Ein Stück weiter sind Schlagringe, Pistolen und SA-Uniformteile zu sehen, die für die Eskalation der politischen Kämpfe stehen. Der Terror, der nach 1933 staatlich institutionalisiert wurde, hatte bereits vorher begonnen.

Ausstellungen in ganz Berlin: 80 Jahre nach Hitlers Machtantritt
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Die Ausstellung versteht sich als „Portal“ zu den Projekten, mit denen Berliner Museen, Gedenkstätten, Vereine und Initiativen an die Zerschlagung der Demokratie durch die Nazis erinnern. Bis zum November, in dem sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal jährt, soll es rund 500 Veranstaltungen an 100 Orten geben, organisiert von 120 Institutionen. Es handelt sich, sagt der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, um „das größte Projekt der Erinnerung, das jemals in Deutschland veranstaltet wurde“. Mit Open-Air-Installationen verwandelt sich die Stadt dabei in ein Museum, deshalb ist die von Simone Erpel kuratierte Museumsschau selbst auch wie ein Stadtplatz gestaltet.

Es gibt Litfaßsäulen, auf denen sich weiterführende Fakten finden, und wandhohe Fotoreproduktionen, die wie Fassadenwerbung wirken. Um Reklame geht es tatsächlich, denn die Bilder entstammen der medialen Selbstinszenierung des Regimes, und jeweils auf ihrer Rückseite stellt die Ausstellung dieser Fassade die Wirklichkeit von Gewalt und Ausgrenzung gegenüber. Das Rote Rathaus ist nach den Reichstagswahlen vom März 1933 mit Hakenkreuzfahne geschmückt – jüdischen oder politisch unliebsamen Beamten wird „Im Namen des Reiches“ die Entlassungsurkunde geschickt. Im Sommer 1936 präsentiert sich Berlin zu den Olympischen Spielen als friedliche Stadt, ein Kamerateam posiert vor dem Stadion – kurz zuvor sind Regimegegner in das vor den Toren der Stadt errichtete KZ Sachsenhausen verschleppt, 600 Sinti und Roma nach Marzahn deportiert worden, ins erste Ghetto für rassisch Verfolgte auf deutschem Boden. Am Anhalter Bahnhof winken fröhliche Reisende in die Kamera – hier beginnt auch für viele Flüchtlinge der Weg ins Exil, personifiziert in einer Porträtgalerie mit Lithografien von unter anderem Bert Brecht, Carola Neher, Ernst Toller und Bruno Taut.

Viele der Avantgardisten, die die Kultur der Weimarer Republik geprägt hatten, verließen Deutschland nach 1933. Sie hatten Berlin zu einer modernen, weltoffenen Metropole gemacht, für die der Ku’damm mit seinen Theatern, Varietés, Kinos und Tanzpalästen ein Symbol war. Ein Werbeplakat zeigt die Gedächtniskirche, umflutet von nächtlichem Autoverkehr. Die im Himmel hängenden Scheinwerfer scheinen die Leuchtkränze der alliierten Bomberflotten vorwegzunehmen.

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