Kultur : 99 Flaschen

Walser erhält den Kritikerpreis von Hoffmann & Campe

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Der Verlag Hoffmann & Campe gibt seinen Buchmessenempfang im 53. Stock des „Main-Tower", und dieses Jahr hat er sich einen besonderen Coup ausgedacht. Es soll an diesem Tag ein Kritikerpreis verliehen werden, und der Preisträger wird bestimmt von den Angehörigen des Verlags. Die Auslobung besteht in 99 Flaschen Rotwein („Gigondas", 14 Prozent Alkohol) sowie der Düsseldorfer Heine-Ausgabe, einem Prunkstück der frühen Campeschen Verlagsgeschichte. Das ist recht apart - wer aber sollte diesen Preis bekommen? Liegt da nicht Martin Walser nahe? Er hat sich ja durchaus als Literaturvermittler hervorgetan, hat „Hölderlin auf dem Dachboden“ gelesen und ein Buch geschrieben, das „Liebeserklärungen“ heißt. Dass er in diesem Jahr auch einen Roman namens „Tod eines Kritikers“ geschrieben hat, dürfte ein zusätzliches I-Tüpfelchen ausmachen. Aber liegt der Verdacht nicht nahe, dass dieses I-Tüpfelchen für den Verlag das Ausschlaggebende war?

Jedenfalls lief gestern alles wie am Schnürchen. Walser trat bedächtig vors Pult und verkündete, dass er die 99 Flaschen unter sechs deutschen Professoren aufteilen möchte: Die nämlich veröffentlichen demnächst bei Hoffmann & Campe eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Rezeption des „Todes eines Kritikers“. Walser hält dann eine schöne Rede, in der er seinen Roman kaum noch zu erwähnen braucht. Er spricht von der „geeichten Öffentlichkeit“, die der wachen Literatur im Wege stehe, er prangert die „Legitimiergebärde“ der berufsmäßigen Kritiker an, denn dieser Beruf habe ja nur dann einen Sinn, wenn man die Literatur nicht schätze, über die man schreibe.

Das Zitat, mit dem er den Kritikerstand am stärksten verdammen möchte, stammt aus Alfred Kerrs Verriss von Thomas Manns „Tod in Venedig“. Und man muss sagen, dass Kerrs Sätze großartig waren und den Text wirklich trafen. Die wunderbaren Sentenzen Walsers, wonach nur Schriftsteller Kritiker seien, und man mit dem Buch, das man gerade lese, am liebsten allein sein will: Die stimmen allerdings genauso. So hatte jeder seins: Walser einen literarischen Text voller Verve, der Verlag für ein paar Stunden die literarische Öffentlichkeit, und die Literaturkritik wieder einen Brocken mehr, den sie wohlig verdauen kann. böt

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