Kultur : 99 Gesichter für einen Namenlosen

Gesichter und Köpfe wie Landschaften, die sich auflösen im heftigen Malduktus.Mit diesen Bildern, die erst von weitem als gegenständlich zu erkennen sind, wurde der 1934 in Damaskus geborene Maler Marwan Kassab Bashi Mitte der siebziger Jahre bekannt.Sie sind in seinem Werk, das sich nie an Moden orientierte und dem Zeitgeschmack der abstrakten Kunst anpaßte, das zentrale Thema.

Die Suche nach dem eigenen Ich, einem "möglichen" Abbild vom Menschen, kennzeichnen bereits sein Frühwerk.Diese ersten Bilder sind derzeit gemeinsam mit Arbeiten der letzten Jahre im Stadtmuseum von Jena (bis 28.Februar) zu sehen, anschließend in der Erfurter Galerie am Fischmarkt (bis 28.März).Der Anlaß für diese Rückschau auf sein Lebenswerk ist Marwans heutiger 65.Geburtstag.

Die Bilder der sechziger Jahre zeigen androgyne Wesen, die den Betrachter anschauen und doch ihren Blick nach innen gerichtet haben.Das "Aus-der-Welt-Sein" kennzeichnet auch die zwischen 1974 und 1978 gemalten monumentalen Köpfe, die sich über die Bildgrenze hinweg dehnen und alle körperliche Grenzen negieren.Die mitschwingende Melancholie bestimmt auch die in den achtziger Jahren gemalten Marionetten, die oft achtlos, wie entkörpert in die Ecke geworfen wirken.

Mit ihren gebrochenen Gliedern sind sie dennoch den Betrachter zugewandt, als suchten sie ihr Gegenüber.Dabei werden sie eigentümlich lebendig.Diese Ambivalenz zwischen Fixierung und Verklärung macht die Spannung von Marwans Kunst aus.

Für ihn ist Malen immer schon eine Arbeit an existentiellen Grundfragen gewesen.Von der arabischen Literatur kommend, die Marwan in Damaskus studierte, ist seine Bildsprache vom Sufismus beeinflußt, einer Erscheinungsform der islamischen Mystik.Dieser Schule zufolge kann der Mystiker die Grenze zwischen sich und dem Schöpfer, nur durch die Liebe auflösen.Die Bilder, die Marwan Mitte der sechziger Jahre malte, reflektieren die Symbolik der Sufi-Literatur.

In den 99 Radierungen der 1997/98 entstandenen "Suite der Köpfe" spiegelt sich erneut seine Auseinandersetzung mit dem Islam.Die Zahl ist eine Metapher für Gott, dem 99 verschiedene Namen, Attribute und Eigenschaften zugesprochen werden.Der größte Name, der hundertste, bleibt aber verborgen.

Auch in der Malerei widmet sich Marwan weiterhin dem Thema Kopf.Doch die Farben und der Pinselduktus sind im Gegensatz zu den Bildern der siebziger Jahren ruhiger und klarer geworden.

Die monumentalen Gesichter sind oft nur von einem entfernten Betrachterstandpunkt aus zu erkennen.Horizontale und Vertikale bestimmen das Bildformat und lassen an die kleinformatigen, späten Werke eines Georges Rouault denken.Marwans Köpfe suchen nicht mehr das Gegenüber, sie werden zur Maske, die sich hinter einem Gitterwerk reiner Malerei verstecken. AJG

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