Kultur : Ab nach Bali

Episodenfilm (II): „Paradise Girls“ lässt drei Frauen mitten in Lebenskrisen Kraft finden

Silvia Hallensleben

Wenn sie auf dem Moped durch die Straßenschluchten von Tokio braust, sitzt Miki (Kei Katayama) vorn. Auch sonst hat sie die Hosen an. Im Zusammenleben mit ihrem holländischen Freund Benny sowieso, schließlich ist der ein Weichei. Nicht einmal für oder gegen die Beziehung entscheiden kann er sich. Insgesamt 23 Gründe nennt Miki ihm einmal, ihn zu verlassen. Dann entscheidet er sich, zurückzukehren nach Amsterdam. Miki reist ihm nach.

Pei Pei (Eveline Wu) betreibt mit ihrem Vater einen Imbiss in der niederländischen Provinz. Während der an der Friteuse in traurigen Liedern das „elende Leben“ beklagt, kümmert sich die Tochter um die Kontakte zu Ärzten und anderen Institutionen. Die wenige Freizeit verbringt sie bei ihren Freundinnen oder mit dem Vater im China-Restaurant, wo sich die Emigranten zu Kartenspielen und Karaoke treffen. Den Luxusurlaub auf Bali, von dem Pei Pei träumt, lehnt der Vater ab. Da gibt es doch nur Büffel und Bauern, sagt er. Dann zeigt er ihr die Verkaufsurkunde für den Imbiss: Zum Ruhestand will er in die Heimat zurück.

Shirley (Jo Koo) wohnt mit ihrer Mutter und dem kleinen Sohn Lok Lok in den tristen Hochhausbergen hinter der glitzernden Skyline von Hongkong. Das Geld, das sie als Fotomodell verdient, reicht trotzdem nicht, um die Herzoperation zu bezahlen, damit Lok Lok wenigstens die nächsten Monate überleben kann. Der Einzige, der helfen könnte, ist ein reicher Cousin, der auf einer der grünen Inseln vor der Stadt lebt.

Miki, Pei Pei, Shirley: Drei sehr unterschiedliche junge Frauen asiatischer Herkunft an weit entfernten Orten der Welt. Drei filmische Episoden, die der 1970 geborene niederländische Regisseur Fow Pyng Hu in seiner zweiten langen Regiearbeit fast unverzahnt aneinander stellt, formal verbunden nur durch die zufällig zeitgleiche Anwesenheit der drei Heldinnen in einem Strandhotel in Bali – inhaltlich allerdings durch die Einsamkeit in einer existenziellen, von außen aufgezwungenen Krise. Alle drei sind zunächst tief unsicher, lösen sich dann aus der Erstarrung zu eigener Entschlossenheit und Kraft. Auch wenn keineswegs sicher ist, wie es nachher weitergeht.

Fow Pyng Hu sagt, er habe mit seinem „Triptychon“ auch eine moderne Interpretation des konfuzianischen Weiblichkeitsbildes entwerfen wollen, dem zufolge die Frau in ihrem Leben drei Männern Gehorsam schuldet: erst dem Vater, dann dem Ehemann, dann dem eigenen Sohn. Doch emanzipatorisches Kampfbewusstsein findet man hier kaum. Eher eine Neugierde, die lieber hinschaut als zu behaupten. Ein Streifzug (Kamera: Benito Strangio) durch Bennys verschludertes Junggesellenapartment in Amsterdam sagt mehr über ihn als alle Worte. Mikis rote Motorradjacke als einziger bunter Punkt in der riesigen Abflughalle des Tokioter Flughafens. Oder auch ein vorbeihuschendes Lächeln auf Shirleys Gesicht, wenn sie vor dem Operationssaal wartet. Es gibt hier immer mehr als das blanke Entweder-Oder.

Das sieht ganz einfach aus. Doch viele missglückte Beispiele zeigen das Gegenteil. Die Unangestrengtheit kein bisschen überangestrengt aussehen zu lassen, ist eine seltene Kunst.

Hackesche Höfe

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