Kultur : Abschied und Zukunft

Ein Vermächtnis. Von Siegfried Unseld

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Das alte Europa stirbt, die Nachfolge jener Werte, die es einst ausgemacht hat – Mystik, Phantasie, die großen Gefühle –, treten die Technik, die Droge aus der Steckdose und der Autismus vor dem Computer an. Eine Veränderung dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, scheint im Gange. Wir sind auf dem Wege, die eigenen Möglichkeiten radikal einzuschränken und die Erfahrungsfähigkeit als Zugang zur Welt aufzugeben; wir gleichen unser Denken der Struktur jener symbolverarbeitenden Maschine an, die wir selbst erfunden haben, lassen von ihr leben, identifizieren uns mit ihr.

„Die Medien bestehlen die Phantasie“, hat Wolfgang Koeppen gesagt, „die Welt ist böse.“ Der verehrte Joseph Weizenbaum, einer der Erfinder jener Maschine, hebt die Hände und zitiert voller Schrecken seine Enkel: Gott sei ein mittelmäßiger Ingenieur, der Mensch eine Fehlentwicklung; man werde sich an Gottes Stelle setzen und die Sache selber in die Hand nehmen.

Wie aber hat der Mensch seine Evolution seit Millionen Jahren überlebt? Indem er träumte, indem er phantasierte und indem er versuchte, Verstehen zu verstehen, indem er hart arbeitete, um seine Visionen zu realisieren. Indem er las. Im Rückzug also auf sich selbst, im Vorstoß zu sich selber.

Samuel Becketts Roman „Der Namenlose“ endet in der Originalfassung von 1951: „il faut continuer, je vais continuer.“ In der englischen Fassung von 1958 heißt es: „Keep going, going on, call that going, call that on“, und in der auch von Beckett bestimmten deutschen Fassung von 1959: „... man muß weitermachen, ich werde weitermachen.“

Wir werden also weitermachen.

Wir werden die allseits beliebte Beliebigkeit vermeiden, werden das Risiko zum Neuen, zum Unangepassten, zum Originären nicht scheuen. Wir müssen eine Feste bleiben.

Ich werde meine Gesellschaftsanteile (und die, die ich noch erwerben kann) in eine SiegfriedUnseld-Stiftung einbringen. Stiftungsratmitglieder sind Autoren und erfahrene Verlagsleute, die die als Geschäftsführer Verantwortlichen beraten und darüber wachen, dass das, was als Suhrkamp-Kultur gilt, bestehen bleibt.

Dem Aufruf Goethes, „tyrtäische Poesie“ zu bringen, also Bücher, die „den Menschen mit Mut ausrüsten, die Kämpfe des Lebens zu bestehen“, diesem Aufruf hat der Suhrkamp Verlag bisher Folge geleistet, und so soll es auch weiterhin sein.

Diesen Text, hier leicht gekürzt wiedergegeben, hatte Siegfried Unseld vor zwei Jahren zum 50. Jubiläum des Frankfurter Suhrkamp Verlags verfasst.

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