Kultur : Abschied von der stählernen Utopie

JÜRGEN TIETZ

Gerade erst ist der Reichstag eingeweiht worden, da laufen die Planungen für das nächste Berliner Projekt von Norman Foster bereits auf Hochtouren.1997 gewann der britische Stararchitekt den europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb für Sanierung und Umbau der Dahlemer Rostlaube, eines der Herzstücke der Freien Universität.Entworfen wurde sie von der Pariser Architektengemeinschaft Georges Candilis, Alexis Josic und Shadrach Woods.Die Meinungen über den Bau gingen weit auseinander, seit 1963 mit den Planungen begonnen wurde.Die Architektengemeinschaft stand damals auf dem Höhepunkt ihres internationalen Ruhms.Im selben Jahr machten sie Vorschläge für das Stadtzentrum von Frankfurt am Main, im Jahr zuvor hatten sie einen Generalplan für die neuzugründende Ruhruniversität Bochum abgeliefert und im selben Jahr 1962 das Stadtviertel Le Mirail der südfranzösischen Stadt Toulouse entworfen (ausgeführt bis 1977).

Der 1973 fertiggestellte Bau wurde entweder geliebt oder gehaßt.Das galt besonders für die Fassade, über deren vorgefertigte Elemente aus Corten-Stahl sich ein samtener Bezug aus Rost ausbreitet, der ihr den charakteristischen braunroten Farbton verleiht.Zur Dahlemer Villenbebauung war kaum ein größerer Kontrast denkbar.Drei zentrale "Straßen" erschließen das nur mäßig hohe Gebäude in Ost-West-Richtung.Dazwischen breitet sich für Nichteingeweihte auf zwei Ebenen ein labyrinthartiges Gefüge aus Seminarräumen, Büros, Nebennutzungen und Höfen aus.Blickt man auf den Grundriß der Rostlaube, dann erinnert er mehr an einen Teppich mit abstraktem Muster als an ein traditionelles Haus.Solche Grundrißstruktur sollte Studenten und Professoren ein Höchstmaß an Offenheit bieten.In der Praxis förderte die Unübersichtlichkeit des Hauses jedoch seine zunehmende Verwahrlosung, freilich begünstigt durch mangelnde Pflege.Doch die Rostlaube bietet auch außerordentliche Annehmlichkeiten wie das Grün der Höfe und die begehbaren Dachterrassen, auf denen an warmen Sommertagen das Studieren zur Nebensache wird.Als eine Stadt in der Stadt gedacht, gilt die Rostlaube als ein Stück gebauter Strukturalismus, eine Architekturutopie von Weltgeltung - wie alle Utopien in der Realität jedoch nicht ohne Mängel.

Mit dem Nachweis von Asbest 1990 war klar, daß eingreifende Veränderungen an der Rostlaube vorgenommen werden müssen.Ohnehin hatten Bauschäden ihre Spuren an dem Gebäude hinterlassen.Durch die schwankenden Studentenzahlen der einzelnen Fachbereiche hatten sich zudem die Nutzungsanforderungen an das Haus nahezu zwangsläufig verändert.Mitte der neunziger Jahre fiel die Entscheidung, in einer sanierten Rostlaube zukünftig alle philologischen Studiengänge zusammenzufassen.Für die Historiker des Friedrich-Meinecke-Instituts (FMI) bedeutete dies den Umzug.Inzwischen haben sie zusammen mit den Kunsthistorikern einen Institutsbau von Wassily Luckhardt aus den sechziger Jahren in der nahen Koserstraße bezogen.

Markantester Eingriff in die Rostlaube wird der Bau einer neuen Bibliothek für die Philologen sein.Zwar hätte der soeben mit dem Pritzker-Preis geehrte Norman Foster die Bausubstanz des denkmalwerten (aber eben nicht denkmalgeschützten) Gebäudes gern vor solch massiven Eingriffen bewahrt, doch sein Vorschlag, den Neubau auf dem angrenzenden Parkplatz zu errichten, wurde vom Senat verworfen - ein Beispiel dafür, daß man sich in Berlin architektonisch bedeutender Bauten selten bewußt ist.

Mit seinem 6500 Quadratmeter großen Bibliotheksneubau versucht Foster gar nicht erst, die zeitgebundene Architektursprache von Candilis, Josic und Woods zu adaptieren.Mit einem klaren Schnitt setzt er ihn in die vorhandene Struktur der Rostlaube ein.Die fünf Arbeitsebenen sollen von einer doppelschaligen Glas-Stahl-Konstruktion eingefaßt werden.Pyramidenartig staffeln sich die Arbeitsplätze an den Rändern der Arbeitsebenen und orientieren sich zur transparenten Außenhaut.Ähnliches hat Foster bereits 1993/95 in der juristischen Fakultät in Cambridge realisiert.Damit Luft und Helligkeit auch im Inneren von Fosters Bibliothek Einzug halten können, ist in der Mitte ein gebäudehohes Atrium geplant.Die ungewöhnlichen organischen Formen der transparenten Bibliothek erinnern an eine gläserne Wolke oder ein gerade gelandetes UFO.Den architektonischen Würdeformeln der Bauaufgabe Bibliothek, wie sie das 19.Jahrhundert kannte, verweigern sie sich.Tatsächlich wird sich Fosters Berliner Bibliotheksneubau auch eher als ein Ingenieursbauwerk präsentieren, das den Ruf seines Architekten als führender Vertreter der High-Tech-Architektur untermauert.Dazu gehört ein ausgeklügeltes Belüftungssystem, das zukünftig eine natürliche Belüftung der Bibliothek ermöglichen soll.Den großen Rest der Rostlaube bemüht sich Foster mit Respekt vor der Arbeit von Candelis, Josic und Woods zu behandeln.Doch die maroden Dächer und die undichte Fassade erfordern ebenso massive Eingriffe wie die Neuordnung des Erschließungssystems.So werden an die Stelle des Systems offener Gänge, das den Bau derzeit noch durchzieht, deutlich abgegrenzte Territorien für die einzelnen Fachbereiche treten.

Inzwischen hat die 102 Millionen Mark teure Sanierung der Rostlaube bei den Hörsälen begonnen.Da die Arbeiten bei laufendem Universitätsbetrieb durchgeführt werden, ziehen sie sich in mehreren Bauabschnitten bis ins nächste Jahrtausend hin.Mit Baubronze als neuem Fassadenmaterial, aus dem die Fassadenelemente nach altem Vorbild neu gefertigt werden, will Foster versuchen, zumindest eine Erinnerung an die alte Rostlaube zu bewahren.Wie der Corten-Stahl ist auch die Baubronze ein Material, das ohne weitere Behandlung nicht zerfällt.Doch wie man es auch wendet: Mit Sanierung und Umbau der Rostlaube geht ein Stück Berliner Universitätsgeschichte unwiderruflich zu Ende.

0 Kommentare

Neuester Kommentar