Kultur : Abwaschbar

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Kai Müller über

Tattoos und Trachtenjanker

Harpuniere taten es. Motorradfahrer taten es auch. Häftlinge tun es immer noch. Lastwagenfahrer tun es nicht mehr. Das Tattoo ist vom Hautschmuck der Vagabunden und Heimatlosen längst zum Allgemeingut geworden. So sehr, dass der Gruselrocker Ozzy Osbourne, selbst über und über mit Tattoos bedeckt, seine halbwüchsige Tochter entgeistert anfaucht: Du willst originell sein, dann mach dir kein Tattoo! Tätowieren kann sich heute jeder. Niemand wird einen deshalb für einen verwegenen Draufgänger halten, dem man besser nicht zu nahe kommt. Wie jenem KfzMechaniker, der mit verschränkten, tätowierten Armen in einer New Yorker U-Bahn saß und von der schwarzen Gang, die durch den Wagen pirschte, als einiger nicht ausgeraubt wurde, weil sie ihn für einen Seemann hielt. Jemand, der nichts hat, kein Zuhause, keine Familie und keine Reichtümer, kann es auch nicht verlieren. Den lässt man besser für sich.

Das war einmal. Heute lässt einen Tätowierten nicht einmal mehr die CSU in Ruhe. Auf Plakaten wirbt die bayrische Volkspartei jetzt mit jungen Menschen, die ihre tätowierten Körper nicht nur nicht verbergen, sondern einem als Zeichen ihrer Modernität geradezu aufdrängen. Entdeckt die Partei, der normalerweise schon ein Auftritt ihres großen Vorsitzenden mit leicht bekleideten Go-Go-Tänzerinnen zu viel ist, plötzlich ihre rebellische Seite? Oder spielt sie mit Knast-Assoziationen, um schwarze Konten anzudeuten? Mag sein, dass Motorradfahrer eine noch unerschlossene Wählerschaft bilden. Wer sich eine Harley-Davidson zulegt, will vielleicht gleichzeitig weniger Steuern zahlen?

Das CSU-Tattoo kann man sogar kaufen. Als ein persönliches Idiom, das nicht mehr an einem Kettchen baumelt, sondern auf den Körper geklebt wird. Garantiert abwaschbar. Und das ist nun wirklich enttäuschend. Denn von einer Partei, der sich zugehörig zu fühlen in Bayern eine lebenslange Mission darstellt, hätte man durchaus erwarten können, dass sie der Jugend von heute bleibende Werte vermittelt. Auch wenn es Schmerzen bereitet. Damit es wenigstens etwas in diesen schnelllebigen, undurchsichtigen Zeiten gibt, das Bestand hat. Aber die süddeutschen Sittenwächter sind auch nicht mehr, was sie waren.

Vielleicht sollten wir sie deshalb das nächste Mal wählen. Aber nur heimlich. In der Kabine. Bevor wir den Stimmzettel abgeben, waschen wir unser Kreuz wieder ab.

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