Kultur : Ach, Albanien!

„Perspektive Europa“: ein literarisch-politisches Dichtertreffen in der Akademie der Künste Berlin

Andreas Schäfer

Was ist das, Europa? Können die Literaten vielleicht helfen? „Ja, Europa, dein Herz schlägt irgendwo zwischen Dijon und Paris, und dein schönes Haupt ist die iberische Halbinsel auf dem blauen Kissen des Wassers. Dein unersättlicher Bauch ist Deutschland. Und ich? Das heißt wir? Sind wir etwa deine Lenden?“

Ein schönes Bild, das der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk für das „sogenannte Mitteleuropa“ gefunden hat. Nur endet auch dieser Vergleich mit einigen Fragen. Wer ist Ich, beziehungsweise das Lenden-Wir? Alles eine Sache der Perspektive. Wenn ihn zum Beispiel ein Russe frage, was er sei, würde er zur größeren Ost-Abgrenzung behaupten, er sei Deutscher, sagt Stasiuk.

Im Moment fragt ihn aber kein Russe, sondern die Universitätspräsidentin Gesine Schwan auf dem Podium der Berliner Akademie der Künste. Und dementsprechend erklärt sich Stasiuk zur größeren West-Abgrenzung kurzerhand zum Nicht-Mitteleuropäer und singt mit ironischem Blitzen in den Augen ein Loblied auf Albanien und die ungarisch-rumänische Grenzlandschaft. „Die Deutschen sind interessant. Aber die Albaner sind viel interessanter.“ Warum die Albaner so interessant seien, muss Stasiuk nicht verraten. Denn bei dem Kongress „Perspektive Europa“, zu dem die Akademie der Künste im Auftrag des Auswärtigen Amtes zehn Autoren aus aller Welt eingeflogen hat, geht es weniger um Inhalte als vielmehr um das Spiel mit Begriffen und Paradoxien – und die Kunst, das Undefinierbare im literarischen Bild zu fassen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach in seiner Eröffnungsrede von den Unterschieden zwischen Kultur und Politik. Diese hätten eigentlich nichts miteinander zu tun. Die Kultur produziere ein „herrliches Durcheinander“, von dem die Politik aber viel lernen könne. Dass so ein Durcheinander auch unproduktiv sein kann, zeigt das erste sogenannte Panel. Unter der Leitung von Sandra Maischberger erfüllt die Diskussion „Der Blick von außen“ alle Befürchtungen, die sich angesichts des diffusen Titels einstellen. Die algerische Autorin Assia Djebar, der aus Beirut stammende Elias Khoury, der nigerianische Nobelpreisträger Wole Soyinka und der Chinese Wang Hui finden keine gemeinsame Sprache und können sich nur darauf einigen, dass sich Europa mehr im Nahostkonflikt engagieren solle. Von einer europäischen Verantwortung für die Welt will – bis auf György Konrad – die Runde um Gesine Schwan (Mario Adorf, Andrzej Stasiuk und Ilija Trojanow) allerdings nichts wissen. „Wir brauchen nicht nach Indien zu fahren. Wir können einfach warten, bis die Inder nach Europa kommen“, so Stasiuk. Außerdem werde China Europa sowieso bald als Disneyland nachbauen.

Die beste, freilich etwas einstudiert wirkende Figur auf dem hochreflexiven Parkett der Differenz gibt der in Bulgarien geborene, auf Deutsch schreibende, in Indien und Südafrika gelebt habende Ilija Trojanow ab. Seine Beschreibung des Nicht-Beschreibbaren sind so einleuchtend („Was Europa ist, sieht man nur, wenn man an die Ränder geht, zum Beispiel an die bulgarisch-türkische Grenze“), die praktischen Handlungsvorschläge so tröstlich („Man sollte in den Schulen nicht nur die dominanten Sprachen wie Englisch lehren, sondern auch die Sprachen der Nachbarländer“) und die Pointen kommen so punktgenau („Die außenpolitische Schwäche Europas lässt sich aus seinem Namen erklären. Die einzige Leistung der Europa genannten antiken Prinzessin war, von Zeus entführt worden zu sein“), dass das Publikum regelmäßig applaudiert. Außenminister Steinmeier ist vom dem luziden Chaos so begeistert, dass er mit dem Autor gleich die Visitenkarten tauscht.

Als die Europäer mit poststrukturalistischer Freude Europa fast zum Verschwinden gebracht haben, ist es dann Aufgabe von Wole Soyinka, die Scherben wieder einzusammeln. In einem Gespräch mit Wim Wenders sagt er: „Natürlich kann man eigentlich nicht von Europa sprechen, genauso wenig, wie man von einem Afrika sprechen kann. Wir müssen es trotzdem tun. Denn sonst könnten wir überhaupt nicht miteinander reden.“

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