Kultur : Ach wie so schön, wie hübsch und fein

Warum Günter Grass und seine Tochter Helene Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ singen

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Frau Grass, auf Ihrer Tournee präsentieren Sie mit Ihrem Vater einen Abend zur Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Hat er Ihnen als Kind daraus vorgelesen?

Das war nicht mein Vater, sondern meine Tante. Und die braucht die Lieder gar nicht vom Blatt lesen. Sie kann alles auswendig. Für mich war das toll, aber danach habe ich das „Wunderhorn“ niemals wirklich zur Hand genommen.

Wie kommen Sie und Ihr Vater jetzt dazu, sich das „Wunderhorn“ vorzunehmen?

Mein Vater hat sich damit beschäftigt als er den Roman „Der Butt“ geschrieben hat. In einem Kapitel treffen sich Clemens Brentano und Achim von Arnim, die Herausgeber des „Wunderhorns“, und diskutieren über einen Fortsetzungsband. Das Kapitel kommt übrigens in dem Programm auch vor.

Ihr Vater hat sie überredet, mitzumachen?

Nein. Er hatte die auslösende Idee, aber Texte aus der Romantik haben mich schon im Deutschunterricht beeindruckt. Sie sind so verkauzt, eigenartig, sonderbar – das fasziniert mich. Die Leute, die da wandern gehen und etwas Neues kennen lernen wollen... In ihren Briefen beschreiben Brentano und Arnim, wie sie übers Land gezogen sind und sich in Bauerstuben von jungen Mädchen Volkslieder haben vorsingen lassen. Großartig! Deshalb collagieren wir die Gedichte nicht nur mit dem Kapitel aus dem Butt, sondern auch mit Briefpassagen. Der Musiker Stephan Meier begleitet die Lieder. Im Grunde erzählen wir zu dritt die Geschichte des „Wunderhorns“.

Und wer singt?

Mein Vater und ich.

Günter Grass singt Volkslieder. Das wirkt befremdlich.

Warum denn? Diese Lieder sind ein wirklicher Schatz und vielseitiger als das, was wir jetzt kennen. Es gibt Gedichte, die sind so eigenwillig, unterwerfen sich keiner Form. Da kann man sagen: Die sind eigentlich modern. Auf deutsch zu singen, war wegen unserer Geschichte eine ganze Weile negativ besetzt. Inzwischen geht das in Deutschland wie in jedem anderen Land. Mein Vater und ich schwenken ja jetzt keine Fahnen, nur weil wir Volkslieder singen. Der Abend ist schlicht eine Liebeserklärung an die Texte.

Es heißt, Sie hätten während eines gemeinsamen Urlaubs in Dänemark geprobt.

Streng genommen war das kein Urlaub. Mein Vater verbringt jeden Sommer in Dänemark und arbeitet dort. Auch ich habe viele viele Kindersommer dort verbracht. In der Tat haben wir aber in Dänemark dieses Pfund von „Wunderhorn“ genommen und uns gegenseitig unsere Lieblingsgedichte vorgelesen. Viele wahnsinnig schöne Lieder konnten wir nicht nehmen, weil es einfach zu viele waren. Für mich war dann schnell klar, dass wir auch singen mussten.

Klingt sehr lustvoll. War Lesen für sie stets mit Lust verbunden?

Ja klar! Warum?

Hat Lesen eine besondere Bedeutung, wenn man einen Schriftsteller, sogar einen LiteraturNobelpreisträger, zum Vater hat?

Es ist ein Klischee, das ein solcher Vater das Leseverhalten besonders stark beeinflusst. Mich hat es um Gottes Willen nicht von den Büchern abgehalten. Andererseits hat mich vor allem meine Mutter zur Literatur gebracht, obwohl sie Architektin und Malerin ist, also gar nichts direkt mit Literatur zu tun hat. Und die schon erwähnte Tante arbeitet als Lektorin und hat mich immer mit Kinderbüchern versorgt. Bei uns war das Lesen von Büchern nie ein Kraftakt – eben etwas Stinknormales – und etwas, das Spaß macht.

Gilt das auch für die Bücher ihres Vaters?

Ja.

Welches ist ihr Favorit?

Das verrate ich nicht.

Das Gespräch führte Steffen Kraft

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