ACT Family Band in Berlin : Eine große Jazz-Familie

Wahlverwandtschaften im Mehrgenerationenhaus: Das einflussreiche deutsche Jazzlabel ACT feiert in Berlin sein 25-jähriges Bestehen.

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Luftröhre mit Luftsäulen. Andreas Schaerer (l.) und Vincent Peirani.
Luftröhre mit Luftsäulen. Andreas Schaerer (l.) und Vincent Peirani.Foto: Gregor Hohenberg

Am Ende, wenn die ACT Family Band mit zwei Schlagzeugern und Gitarristen, drei Pianisten und vier Stimmen auf den Spuren von Sister Sledge die Discowalze von „We Are Family“ durchs Konzerthaus rollen lässt, könnte es immer so weitergehen. Eine Stunde, einen Tag, eine Woche oder gleich noch einmal 25 Jahre – so lange, wie es gebraucht hat, dieser seltsamen Familie den klingenden Namen eines führenden deutschen Jazzlabels zu verschaffen. Oder besser: eines Labels „in the spirit of jazz“, wie es Siggi Loch, sein auch mit bald 77 Jahren unverwüstlich wirkender Patriarch, am liebsten nennt. Und in diesem nächsten Vierteljahrhundert würde es erneut junge Musiker aus ganz Europa in seine Mitte wirbeln und in einem Mehrgenerationenkonglomerat miteinander und aufeinander reagieren lassen, das sich als Familie feiert und in vielem doch eher den Charakter einer Kommune hat. Es herrscht eine mehr oder minder strenge Aufsicht, es mangelt an offener Gütergemeinschaft, aber statt Inzucht regieren Wahlverwandtschaften – und statt unauflöslicher Bande in der Partnerschaftshöhle ein Netz polyamouröser Fernbeziehungen.

Bäumchen-wechsel-dich auf höchstem Niveau

Die musikalische Sozialisationsgemeinschaft organisiert sich zweifellos auch um die Idee eines Markenkerns; die künstlerischen Energien, die dabei freigesetzt werden, setzen jedes Kalkül außer Kraft. Allein wie zu Beginn ein zartes „Send in the Clowns“ den Reigen der Bäumchen-wechsel-dich-Konstellationen der All-Stars eröffnet, die auf die große Partyklimax zusteuern. Michael Wollnys Klavier und Nils Landgrens Posaune und anrührend brüchiger Tenor navigieren mit einer lyrischen Zerbrechlichkeit durch Stephen Sondheims Song, die sich ohne tiefe Vertrautheit durch gemeinsame Tourneen nicht einstellen würde. Und während der Schwede Landgren, wie Loch vor dem Konzert erklärt, das Rückgrat von ACT sei, weil der ihm nach einer Begegnung bei der Jazz Baltica die Tür zu den Wundern des skandinavischen Jazz aufstieß und heute das meiste Geld einspielt, ist Wollny, der 2005 mit dem Trio „em“ und im Duo mit dem Tenorsaxofonisten Heinz Sauer debütierte, sein künstlerisches Wunderkammernkind.

Da spielt es keine Rolle, dass Landgren, der schalk- und charmedurchdrungene Moderator des Abends, sich mit seinem Repertoire zusehends in Richtung Pop bewegt und Wollny noch immer an jeglichem Fertigteildenken rüttelt. Für die Dauer einer Ballade sind sie ein musikalischer Körper. Von da aus geht es erst richtig los, hinein in ein „Come Together“ von Lennon-McCartney, dessen unverkennbares Bassmotiv Lars Danielsson intoniert, unter rhythmischem Beistand von Ulf Wakenius’ Gitarre. Wolfgang Haffner erweitert das Quartett und trommelt es hinein in einen Cannonball-Adderley-Groove. Danach wird mit Leonard Cohens „Hallelujah“ mit Sängerin Cæcilie Norby zum Duo zurückgebaut. Dieter Ilg liefert sich mit Danielsson ein melodisches Kontrabass-Duell, bevor der französisch-vietnamesische Gitarrist Nguyên Lê die Hitze mit seinen elektrisch singenden Vibratolinien wieder steigert und der polnische Geiger Adam Baldych trotz gebrochener Hüfte erst recht Zunder gibt.

Von Benny Goodman bis Hip-Hop

Die stilistische Bandbreite ist enorm. Wenn es an diesem Abend Höhepunkte gibt, das energetisch befreite, sich tonal überschlagende Duo des Pianisten Joachim Kühn mit dem Sopransaxofonisten Emile Parisien oder das virtuos ironisierte Benny-Goodman-Tribute „Swing, Swing, Swing“ von Wollny und Haffner, dann lassen sie sich auf keinen Nenner bringen. Zwischen Klangforschergeist, hymnischen Aufwürfen, im Luftstrom absaufenden Tönen und Beatboxing verspricht auch das neue Quartett von Wollny, Parisien, Akkordeonist Vincent Peirani und Sänger Andreas Schaerer eine mitreißende Spiellust. Einige Formationen kann man auf dem soeben erschienenen Album „twenty five years – the jubilee album“ nachhören.

Als sich Siggi Loch 1992, wenige Jahre nach seinem Weggang vom WEA-Konzern, mit ACT in München selbstständig machte, zeichneten sich weder diese Vielfalt noch kommerzielle Erfolge ab. Das erste Programm stellte unter anderem den alten Weggefährten Klaus Doldinger vor, Blues von John Lee Hooker und Muddy Waters sowie die Wiederveröffentlichung von „Twin House“, einem legendären Gitarrenduo-Album von Larry Coryell und Philip Catherine. Das Glück zog 1996 mit dem von Landgren an Land gezogenen Pianisten Esbjörn Svensson ein, der sich später mit seinem Trio E.S.T. zum Publikumsmagneten enwtwickelte – bis ein Tauchunfall ihn 2008 aus dem Leben riss. Das Gedenken an ihn wurde in Anwesenheit der beiden Söhne schon am Nachmittag in einem Konzert unter dem Motto „Tears for Esbjörn“ zelebriert – neben „Young German Jazz“ und einem Auftritt der koreanischen Sängerin Youn Sun Nah, die sich mit ihrem Album „Same Girl“ gerade als nächste Norah Jones bewirbt.

Inzwischen kümmert sich Siggi Loch von Berlin aus, wo ACT im vergangenen Jahr auch ein Büro eröffnete, nur noch um die künstlerische Seite des Labels. Er produziert die meisten Alben – den Rest besorgt sein Team, das zum Jubiläum auch auf die Bühne gebeten wurde, bis hin zum Schlagzeugeinsatz von Pressemann Michael Gottfried. Die Dankbarkeit, die Loch gegenüber seinen Musikern bekundete, erhielt er umgehend zurück. Vor allem Joachim Kühn und Nils Landgren dankten ihm mit warmen Worten.

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