Kultur : Ärger in der Mailänder Scala: Tumult auf den billigen Plätzen

Werner Raith

Das Wichtigste nach einer Opernaufführung, hat Italiens legendärer Dirigent Arturo Toscanini einmal gesagt, sei für ihn der Blick nach oben: Der könne Albträume auslösen, aber auch ein Gefühl immenser Befreiung. Biografen haben gerätselt, was der Maestro damit meinte. Schaute er zum Vater im Himmel auf? Oder ließ er den Blick auf der Deckenbemalung ruhen, nachdem er stundenlang hektisch zwischen Partitur, Musikern und Sängern hin- und hergeschaut hatte? Nichts von alledem: Toscanini sah schlichtweg hoch zu den Rängen knapp unter der Decke. Dort sitzen die Zuschauer mit den billigsten Karten. Dafür kann, wer kleiner als 1,70 Meter ist, von hier oben aus nur im Stehen die Bühne sehen.

In vielen traditionsreichen Opernhäusern sind Stehplätze eine Institution. Mal werden sie abwertend als "Rasierplätze" bezeichnet, mal beschönigend als "Olymp". In Italien heißen sie "Loggioni". Und glaubt man Toscaninis Kollege Wilhelm Furtwängler, dann sind diejenigen in der Mailänder Scala die "eindrucksvollsten auf der ganzen Welt". Für unzählige Dirigenten, selbst für die Stars unter ihnen, sind sie wohl die wichtigsten Plätze des Hauses. Der Chefdirigent der Scala, Riccardo Muti, ließ oft weit mehr als die 200 vorgesehenen Besucher auf die oberen Ränge, erinnert sich der Klarinettist Dario Garegnanni. "Denn er weiß: Dort oben steht das kundigste, treueste und auch unerbittlichste Publikum jedes Theaters."

Meist sind es Studenten, aber auch arbeitslose Musiker, die sich keine regulären Eintrittskarten leisten können. Etwa 150 Mark kostet ein Platz in der Scala. Die Karten im Rang ganz oben gibt es dagegen schon für 5 bis 10 Mark. Deshalb stehen die Olymp-Stammgäste - "Loggionisti" werden sie genannt - oft stundenlang vor der Vorführung an. Denn die Billig-Karten gibt es erst an der Abendkasse. "Wenn die dann oben keine Trillerpfeifen herausziehen und uns, wenn wir hinter dem Schlussvorhang vortreten, mit aufmunterndem Kopfnicken empfangen", sagte seinerzeit Toscanini, "dann atmen wir alle tief durch - die Vorstellung ist gelungen."

Doch ausgerechnet diesen Bestandteil der Operntradition scheint die Intendanz der Scala nicht besonders zu schätzen. Angeblich aus Sicherheitsgründen sollen 160 der bisher 200 Olymp-Plätze gestrichen werden. Das hat die Musik-Fans so sehr in Rage gebracht, dass sie nach Bekanntwerden der Pläne im September sogar das Opernhaus besetzten. Während auf der Bühne Studenten der Scala-Akademie die "Bohème" von Puccini sangen, zogen Tausende durch die Straßen Mailands. "Wenn uns die Opernchefs nicht mehr wollen, wenn sie sich für uns schämen", sagt ein Besetzer, "dann sollen sie es sagen. Aber sie sollen nicht irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen vorschieben. Schließlich wurde das Haus erst vor einem Jahr restauriert."

Mittlerweile ist die Intendanz offenbar zu Kompromissen bereit, wohl auch, weil mehrere dem Haus verbundene Dirigenten heftig gegen den Ausschluss der Fans protestiert haben. Doch mit seinem ersten Friedensangebot lief Intendant Carlo Fontana erst mal kräftig auf: Er wollte dem Publikum zwar wieder mehr Stehplätze zugestehen, sie aber lediglich im Internet verkaufen. So wollte er wenigstens das Kassenpersonal einsparen. Die "Loggionisti" betrachten jedoch nicht nur die Plätze hoch oben, sondern auch das Anstehen für die Karten als Teil ihres Opernbesuchs. In der Schlange tauschen sie den neuesten Klatsch aus.

Viele Dirigenten halten die Olymp-Zuschauer sowieso für weitaus kundiger als die Musikkritiker: Ihr Gehör sei durch unzählige Aufführungen geschult, sie gingen in die Oper aus Liebe zur Musik und nicht aus Prestige. Ihr spontanes Urteil gilt besonders viel, und diese Wertschätzung bestärkt die Aufständischen. Ihre Logen ganz oben, da sind sich die "Loggionisti" sicher, werden zu guter Letzt auch den knausrigen Intendanten überleben.

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