Kultur : Afghanistan: Land ohne Zukunft

Gabriele Venzky

Was passiert, wenn das Taliban-Regime gestürzt wird?

So seltsam es klingt, die Taliban haben eine Art von Ordnung und Frieden nach Afghanistan gebracht. Deshalb wurden sie zunächst von der Bevölkerung freudig begrüßt, als sie, nach ihrer Ausbildung in pakistanischen Koranschulen, 1994 plötzlich auf der Bildfläche erschienen. Denn in den Jahren nach dem sowjetischen Abzug 1989 hatten die verschiedenen Mujahedin-Fraktionen einen rücksichtlosen Kampf um die Macht geführt und dabei auch das bis dahin intakte Kabul praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Im ganzen Land wurde geraubt, gebrandschatzt, gekämpft. Frauen wurden zu Zehntausenden von den marodierenden Heiligen Kriegern vergewaltigt. Niemand war mehr sicher. Die Taliban wütete auf eine andere Weise, aber nicht weniger inhuman. Ihre vollkommene Verachtung für das afghanische Volk und ihre rigorose islamische Härte haben die Taliban verhasst gemacht. Ein Sturz der Taliban würde, so steht zu befürchten, das Land abermals in die totale Anarchie stürzen.

Was hat das für die Region zu bedeuten?

Ohne die Taliban entsteht ein Vakuum. Pakistan und die zentralasiatischen Staaten, die große Probleme mit ihren eigenen Fundamentalisten haben, sowie das ebenfalls angrenzende Iran könnten versuchen, sich massiv in Afghanistan einzumischen, um ein Überschwappen des Chaos zu verhindern. Kontrolle aber hat noch niemand über die Afghanen gewinnen können. Es droht die Destabilisierung der gesamten Region.

Ist die Nordallianz eine Alternative?

Nein. Nach der Ermordung von Achmed Schah Massud, des legendären Führers dieses Bündnisses der ethnischen Minderheiten, der als einziger eine unbestechliche Figur war, stehen nun all die Mujahedin-Führer wieder in den Startlöchern, die nach dem Sturz des letzten Kreml-Stadthalters Najibullah für die restliche Zerstörung Afghanistans verantwortlich waren. Denn sie glauben, es gibt wieder etwas zu verteilen: der Usbeken-General Rashid Dostum, der Schiit Ismail Khan und der Schlimmste von allen, Gulbuddin Hekmatyar, ein religiöser Eiferer, der einst der Hauptempfänger der amerikanischen Hilfe war und dessen Artillerie im Machtkampf um Kabul die Hauptstadt zerstört hat. Sie alle haben kein Konzept für Afghanistan, auch Allianz-Präsident Burhanuddin Rabbani nicht, der von der Uno als Staatsoberhaupt anerkannt wird.

Welche Rolle spielt der Ex-König?

Ex-König Zahir Schah, der in drei Wochen 87 Jahre alt wird, hat sich nach langem Zögern in den letzten Tagen auf Druck der 3,5 Millionen Exil-Afghanen (praktisch die gesamte Elite des Landes), dem sich nun auch die Nordallianz und die Vereinten Nationen angeschlossen haben, bereit erklärt, "für kurze Zeit" eine Rolle als Integrationsfigur, nicht aber als Monarch, zu spielen. Frühere Versuche in diese Richtung verliefen alle im Sande, weil es niemanden zu integrieren gab in diesem zersplitterten und von 22 Jahren Bürgerkrieg zerstörten Land. Hier enden Loyalitäten an den Grenzen des Stammes und Verrat und Käuflichkeit sind hervorstechende Mittel der Politik. Grafik: Afghanistan Zweifelhaft ist auch, ob die UN neben ihrer gigantischen humanitären Rolle beim Wiederaufbau des Landes eine politische Rolle übernehmen könnte und sollte. Vorgeschlagen wurde, dass sie eine Interimsregierung einsetzen und Wahlen abhalten sollte. Nach dem Debakel in Kambodscha, wo eben dieses Rezept verfolgt und zwei Milliarden Dollar dafür ausgegeben wurden, ist Skepsis angebracht. Denn in diesem mittelalterlichen Land gibt es auch nicht die geringsten Ansätze demokratischer Institutionen oder nationalstaatlicher Identifikation.

Welche Rolle spielen Bodenschätze?

Die zentralasiatischen Staaten verfügen über die größten noch unerschlossenen Reserven an Bodenschätzen der Welt. Usbekistan: Gold, Tadschikistan: Silber, Turkmenistan: Gas, Kasachstan: Öl. Dort liegen bis zu 50 Milliarden Barrel. Zum Vergleich: die Nordsee-Vorkommen betragen schätzungsweise 19 Milliarden Barrel. Die Frage lautet nun: Wer wird von der Ausbeutung dieser Schätze profitieren?

In diesem Wettlauf haben auch die Taliban eine Rolle gespielt, als sie der amerikanischen Unocal erlaubten, eine Pipeline durch ihr Land nach Pakistan zu bauen. Das wäre die kürzeste Verbindung zur See gewesen. Diese wirtschaftlichen Interessen erklären, warum die energiehungrigen Amerikaner solange die Taliban nicht nur geduldet, sondern auch noch indirekt unterstützt haben. Sie haben auch tatenlos zugesehen, wie das Terrororgespann Taliban/Osama bin Laden Afghanistan zum größten Drogenexporteur der Welt machte. Mit 500 Tonnen gehen fast Zwei-Drittel der weltweiten Heroin-Produktion auf das Konto Afghanistans. Der Welthandel in Drogen bringt jährlich über 500 Milliarden Dollar ein.

Wie konnte sich Afghanistan zum Hauptexporteur des Terrors entwickeln?

Das ist hauptsächlich der Naivität der Amerikaner zuzuschreiben. Als sie 1984 begannen, die Mujaheddin und Hekmatyar mit Geld und Waffen zu unterstützen, ging es ihnen nur darum, in dieser letzten Auseinandersetzung des Kalten Kriegs die Sowjetunion zu schwächen. So fragten sie nicht danach, wer diese so genannten Heiligen Krieger waren, sondern vertrauten ihrem damaligen pakistanischen Partner, dem islamistischen Militärdiktator Zia ul-Haq und seinem fundamentalistisch orientierten Geheimdienst ISI. Sie beabsichtigten aber nicht, die Ideale der freien Welt zu verteidigen, sondern wollten sich ein eigenes islamistisches Hinterland schaffen. Damals begann auch die amerikanische Unterstützung für bin Laden, und es entstanden die international agierenden Terrorbanden, mit denen es die Welt heute zu tun hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben