Kultur : Afghanistan: Traumdeutung

Caroline Fetscher

Eine Gruppe von Männern hockt in einem Unterschlupf. Sie unterhalten sich über ein Verbrechen, dessen Komplizen oder Urheber sie sind. Wir kennen solche Szenen aus Hollywoodfilmen: Mafiosi feiern nach vollbrachter Tat und diskutieren die Erweiterung ihres Einflussgebiets.

Das Motiv von "Bin Laden III", der seit Donnerstag in allen Ländern und Sendern der Welt ausgestrahlt wird, ist also ein klassisches. Alles andere daran ist neu: Dass das Fernsehen eine solche Geschichte in den Nachrichten sendet, dass solche Szenen aus dem inner circle von Kriminellen nicht nur in die Hände der Ermittler gelangen, sondern vor die Augen von Millionen. Die große Globalkommunikation der Medien, geeignet für Mythen, Missionen und Propaganda, bot dem Drahtzieher der Septemberattentate bisher ein risikoärmeres Forum. Bei "Bin Laden I" und "Bin Laden II", seinen beiden bisherigen, vom Sender Al Dschasira vermittelten Auftritten, sah man ihn zwar ähnlich - auf der Erde sitzend, von Getreuen flankiert - aber Adressat und Medium hatte er sich selbst ausgesucht. Er führte Regie. Die Tonspur war sauber, das Setting kalkuliert: Milde lächelnd erklärte Osama bin Laden in traditionellem Gewand vor dem Eingang einer Höhle den Ungläubigen den Krieg.

Aber was wir jetzt sehen, ist ein Home-Video: Drehort ist eine Wohnung in Kandahar, der Tonfall zwischen den Männern changiert zwischen Pathos - "Du hast uns Waffen gegeben, du hast uns Hoffnung gegeben, und wir danken Allah dafür" - und Profanität: "Ich saß da und habe die Nachrichten gehört." Die "Nachrichten", die diese Szenen inkorporieren, sind selbst Gegenstand der Unterhaltung: ein Medienzirkel schließt sich und bekommt hermetische Qualität.

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Denn was geschieht mit der Realität? Sie ist in Gefahr.

Mit dem Home-Video aus der Terroristenproduktion expandieren News und Undergroundfilm, B-Movie und Reality-Show zu einem neuen Genre: Es entsteht das missionarisch gefärbte Terroristen-Movie als Beweisdokument, Unterhaltung und seinerseits mythenbildend. So traditionsfreudig die Männer hier von Schwertern und Pferden, Vollmond und Gott sprechen, es handelt sich bei "Bin Laden III" gleichwohl um ein Phänomen der Postmoderne, in dem sich Genres bekanntlich mischen. Ein Novum in der Geschichte der visuellen Repräsentation: Millionen von Medienkosmumenten verfolgen die Ausstrahlung eines Amateurfilms aus dem intimen Raum einer Gruppe, die das Weltgeschehen beeinflusst.

Dieses Video, offenbar ein Produkt der in südlichen Ländern typischen Dokumentationsfreude, ist ein Idealszenario für jedes Gericht: Kriminelle geben ihre Tat nicht nur zu, sondern verraten auch Motive und Emotionen, wie sie es sonst nur unter ihresgleichen tun. Noch authentischer wirkt all das durch die mitlaufenden Untertitel, unscharfe Bilder und von Rauschen begleiteten Stimmen. Gerade die Authentizität - an deren juristischer Stichhaltigkeit kaum Zweifel besteht - schlägt auf der ästhetischen Seite jedoch in ihr Gegenteil um. Hatte bin Laden mit seinen Al-Dschasira-Ansprachen die Mythenmacht des Mediums für sich reklamiert, tun dies nun seine Gegner. Sie lassen uns ins Gesicht und in die "gewissenlose, seelenlose" Psyche (G. W. Bush) eines Verdächtigen sehen, der eine Liaison zwischen mittelalterlichen Ideen und Hightech-Terror verkörpert, ein Terror-Chamäleon, einmal im weißen Gewand, dann wieder in Camouflage - ein lebendes Phantasma.

Es wird eine Weile dauern, bis das Licht der Aufklärung den Realitätsgehalt dieser Bilder erhellt. Als ersten Schritt in Richtung Wirklichkeit kann man sich das Transkript des Home-Videos auf die Couch legen. Ja, auf die Couch: Denn zu den interessantesten Passagen von "Bin Laden III" gehören minutenlange Taum-Berichte. Visionäre "Brüder" hätten lange vor den Attentaten von Flugzeugen geträumt, die auf Hochhäuser zustürzen oder von solchen, die einer auf der Schulter trug. Und von Fußballteams, in denen "unsere Spieler Piloten waren" - eine "Vision" nach der anderen, stets gefolgt von Ausrufen wie "Allah sei gepriesen!"

Hier, in den juristisch irrelevanten Äußerungen, lässt sich finden, was dem Verständnis der pathologischen Handlungen dieser Männer dienen kann. Die Attentate, die zunächst nicht einmal einen Autor hatten, werden vom Subtext des Unterbewussten eingeholt. In den Traumberichten offenbaren sich Jungenfantasien und Kompensationen narzisstischer Kränkung, Angstlust und Regression, Größenwahn und Traumaspuren. Die frauenlose Runde verhandelt Männerthemen - Fußball, Fliegen, Kämpfen. Hinzu kommt die pausenlose Beschwörung eines Allah-Vaters, der die anderen strafen soll, nicht aber die Brüder. Eine Brüderhorde, die - im Wortsinn - mit aller Gewalt versucht, den ödipalen Vatermord zu leugnen und sich vor den Müttern fürchtet: Die hätte Freud hier rasch entdeckt.

Viele der Taliban sind elternlos oder als vaterlose Kriegswaisen in den Koranschulen Pakistans erzogen worden, in denen "der Name des Vaters", das Wort und das Gesetz zur Überrealität wurden, während die Geschlechterverhältnisse an die Borderline der Psyche gedrängt waren. Solche Versuche der Kollektivpsychologie, wie sie der Historiker Ahmad Rashid und die Islamforscherin Karen Armstrong anbieten, können das Phänomen der religiös-politischen Taliban-Kriminalität zwar nicht erschöpfend erklären, bringen jedoch etwas Helligkeit in das Höhlenlabyrinth von Tora Bora.

Als Zuschauer dürfen wir uns der Magie der "bösen Bilder" nicht überlassen: Ein Weg aus dem Labyrinth dieser Bilder und "News" ist die Lektüre, etwa des Transkripts der Gespräche. In diesem offenbar allein für "die Brüder" hergestellten Dokument haben sich die Taliban nämlich keineswegs mystifiziert. Sie offenbaren sich, als erschreckend kriminelle und verstörte Männer, denen die Welt verlorenging.

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