Kultur : Agrarwende: Eine Art Glücksfall

Sind die Bauern jetzt die Sündenböcke de

Gerd Sonnleitner (52), der Landwirt und Landwirtschaftsmeister, ist seit April 1997 Präsident des Deutschen Bauernverbandes.



Sind die Bauern jetzt die Sündenböcke der Nation?

Nein, nach der Regierungserklärung sind wir nicht die Sündenböcke, sondern Frau Künast hat sehr realistisch aufgezeigt, wie wir es schaffen, das Vertrauen beim Verbraucher wieder zurückzuholen und welche Maßnahmen eingeleitet werden müssen. Viele dieser Maßnahmen haben wir im Vorfeld schon vorgeschlagen, und wir haben sie auch bereits umgesetzt.

CDU-Chefin Merkel sagt, Rot-Grün habe die Bauern zu Sündenböcken gemacht.

Nein, ich glaube, dass kann man jetzt nicht auf Rot-Grün abstellen. Wir wurden insgesamt in der Öffentlichkeit als Sündenböcke vorgeführt, aber ich möchte das nicht auf eine Partei beschränken. Da waren leider viele beteiligt. Aber dies hat Gott sei Dank nachgelassen.

Sie tragen die neue Argrarpolitik voll mit?

Ob ich alles voll im Detail mittrage, da möchte ich schon Einschränkungen machen. Aber im Grundsatz ist die Regierungserklärung richtig. Ich habe diese Erklärung als Dialog aufgefasst, mit den Landwirten, mit den Verbrauchern. Und da arbeiten wir gerne mit. Wir haben dieselben Ziele. Wir wollen nachhaltige Landwirtschaft betreiben, wir wollen Verbraucherschutz.

Bezieht sich eine Einschränkung zum Beispiel darauf, dass künftig Prämien nur noch an die Bauern gezahlt werden, die auch genügend Fläche für ihre Rinder haben?

Wenn sie dies bundesweit verfolgen, so haben wir mit den zwei Großvieheinheiten keine Schwierigkeiten, wir haben in der Regel geringeren Viehbesatz, nur in einzelnen Regionen nicht. Und dort wird es Lösungsmöglichkeiten geben.

Erklären Sie doch einmal kurz aus Ihrer Sicht, was Ministerin Künast mit "Klasse statt Masse" meint?

Qualität muss ihren Preis haben, da ist ein Umdenken auch der Verbraucher notwendig. Mit Dauerniedrigpreisen muss bei Lebensmitteln Schluss sein. Wir Bauern wollen über alle Produktionsstufen die gläserne Produktion aufbauen. Wir haben uns immer schon verpflichtet, Qualität herzustellen, die Tiere artgerechter zu halten, den Tierschutz zu beachten, sorgsam mit unseren natürlichen Ressourcen Boden, Luft und Wasser umzugehen, nachhaltig auf unseren Feldern zu wirtschaften. Das ist ein dynamischer Prozess, in dem es immer wieder Verbesserungen gibt. Deswegen ist das für mich kein neuer Ansatz, sondern eine Weiterentwicklung unseres Wertesystems. Man kann das Bauernstolz oder Bauernethik nennen, einen Ansatz jedenfalls, den wir immer verfolgt haben.

Das hört sich an, als wäre Frau Künast ein Glücksfall für Sie, der Ihre Interessen stützt?

Ja, ja, in gewisser Weise kann man das durchaus sagen. Ich würde vielleicht nicht unbedingt das Wort Glücksfall benutzen.

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