Kultur : Akropolis hallo - Die klassische Musik erlebt in Griechenland einen Boom

Jörg Königsdorf

Frank Schneider ist skeptisch. Vielleicht hätte man doch etwas Deutsches spielen sollen, ein Werk, bei dem das griechische Publikum einem Berliner Orchester eine besondere Kompetenz zugesteht. So stieß César Francks d-moll Sinfonie, entgegen allen Erwartungen, nur auf mäßiges Interesse. "Die Offenheit für Musik des 20.Jahrhunderts ist hier größer als in Ländern mit jahrhundertelanger Tradition," erklärt Schneider. "Die Griechen haben ein kulturelles Nachholbedürfnis, weil die Musik- und Theaterkultur Europas lange an ihnen vorbeigegangen ist. Gerade deswegen können sie Werke von Strawinsky, Hindemith oder Berg viel unvoreingenommener hören - oder ein Stück wie Weills zweite Sinfonie als Unterhaltungsmusik genießen. Als wir zum ersten Mal in Griechenland waren, mit einem konzertanten "Wozzeck", hatten wir jedes Mal ein volles Haus."

Ähnlich wie in Spanien erlebt klassische Musik seit etwa zehn Jahren auch in Griechenland einen Boom. Vor allem in Athen und Saloniki ist mit dem Bau großer Konzertsäle neben den Opernhäusern auch ein Publikum für Sinfonik und Kammermusik gewachsen. Dabei sorgt die Kulturpolitik mit Subventionen dafür, dass selbst bei Topkonzerten der Dresdner Staatskapelle oder eben des BSO die Eintrittpreise in der teuersten Kategorie kaum über hundert Mark liegen. Auf diese Weise gastieren im Athener Auditorium regelmäßig internationale Spitzenorchester, die zugleich als Katalysatoren für die Entwicklung eines einheimischen Musiklebens dienen sollen.

Ein Konzept, das zu funktionieren scheint: Der Anteil der Konzerte griechischer Kammermusik-Formationen und Orchester an den Programmen wächst kontinuierlich, die Konzerthalle selbst vergibt regelmäßig mehrere Kompositionsaufträge pro Jahr. Im Vergleich zu Spanien, wo inzwischen jede Provinzhauptstadt ihr eigenes Orchester besitzt, steckt das griechische Musikleben freilich noch in den Kinderschuhen: Die Uraufführung der zweiten Sinfonie des griechischen Komponisten Giorgos Sisilianos anlässlich des BSO-Gastspiels ist also ein typisches Beispiel für Entwicklungshilfe - nicht zuletzt, weil das halbstündige, konventionell viersätzige Werk weit eher die Orientierung an den Klassikern des 20. Jahrhunderts von Bartok bis Schostakowitsch verrät als eine eigene, nationalfolkloristisch gefärbte Tonsprache.

Nach dem Willen von BSO- und Konzerthaus-Intendant Schneider soll diese kulturelle Zusammenarbeit keine Einbahnstraße bleiben: Noch in diesem Jahr wird man eine Reihe von Konzerten veranstalten, die dem bedeutendsten griechischen Komponisten, dem Schönberg-Schüler Nikos Skalkotas, gewidmet sind. "Vor allem für das BSO macht es wenig Sinn, immer nur das gleiche zu spielen wie die Philharmoniker - nur mit Beethoven und Mahler kommen wir nicht an die Spitze. Außerdem wollen wir jetzt schon im vorab auf die neuen Programmkonzeptionen reagieren, die Leute wie Simon Rattle und Kent Nagano in die Stadt bringen werden."

Das ehemalige Ostberliner Eliteorchester befindet sich also im Aufwind: Einerseits rücken jüngere, stilistisch flexiblere Musiker nach, andererseits hat sich das Prestige des Orchesters seit der Ernennung Eliahu Inbals zum neuen Chefdirgenten ab 2001 schlagartig erhöht. Erster Beleg dafür: eine dreiwöchige Japan-Tournee, die unmittelbar nach der Vertragsunterzeichnung Inbals ausgehandelt wurde. Mit Beethoven, vorerst noch.

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