Alan Gilbert und die Berliner Philharmoniker : Mehr Herz

Alan Gilbert, Chef der New Yorker Philharmoniker, gastiert bei den Berliner Philharmonikern. Ein nicht ganz überzeugender Abend mit Bach, Mendelssohn und Carl Nielsen.

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Alan Gilbert dirigiert.
Alan Gilbert dirigiert.Foto: dpa

Schön, wenn sich Musiker so gut verstehen. Seit 2006 ist Alan Gilbert regelmäßig bei den Berliner Philharmonikern zu Gast, jetzt steht er selig lächelnd, am Pult der Philharmonie, um eine Bach-Kantate zu dirigieren: „Ach Gott, wie manches Herzeleid“, BWV 58. Ein grimmig-harziger Bariton von Michael Nagy, ein silbrig entrückter Sopran von Christina Landshamer, die sich wahrlich „vergnügt in ihrem Leiden“ (dritter Satz) zeigt, dazu die flinke Sologeige von Daishin Kashimoto.

Alles prima, möchte man meinen. Und doch wirkt es verstörend beliebig. Wer Bachs Musik aus ihrem sakralen Umfeld reiner Glaubensinnigkeit, für das sie geschrieben wurde, in die Philharmonie verpflanzt, sollte zumindest andeuten können, warum er das tut. Will Gilbert vielleicht einfach nur zeigen, dass er Barock genauso kann wie Romantik?

Alan Gilbert dirigiert allzu rustikal, auch Mendelssohns "Schottische"

Das misslingt allerdings gründlich. Statt peitschender Gischt und erhabenem Vogelflug können sich die Philharmoniker in Mendelssohns dritter Symphonie, der "Schottischen" nur zu seltsam lauwarmen, trantütigen Klängen durchringen. Um sich erst recht mit Karacho auf die exponierten Fortissimi zu stürzen. Krachledern, pubertär wirkt das, immer auf sofortige Belohnung hin gespielt, ohne aus kluger Phrasierung heraus entwickelt zu sein.

Auch die Solostimmen versagen, die pentatonische Klarinettenmelodie, die das Scherzo einleitet, suppt weg. Das ganze Stück, eines der großartigsten, die Mendelssohn geschrieben hat: gefühlskalt, rustikal. Gilbert lächelt unverdrossen weiter - und bleibt pauschal in den Gesten. Das kommt dabei raus, wenn man zu nett zueinander ist.

Der Abend wartet noch mit einer anderen Symphonie auf

Gibt es gar keine Hoffnung? Doch, der Abend wartet noch mit einer anderen dritten Symphonie auf, der von Carl Nielsen, der auf seiner geliebten Insel Fünen Musik von Weltgeltung schrieb. Hier spürt man bei den Philharmonikern endlich Dringlichkeit, existentielle Lust am Musizieren. Ein sich verzehrender Strich bei den Geigern, das Blech herzhaft, zu laut – egal, hier geht es endlich um was.

Michael Nagy und Christina Landshamer evozieren im Andante pastorale mit flirrenden Stimmen eine scheinbar vollendet friedliche Natur, nur durch Paukengrummeln leise gestört. Ein kurzer Auftritt, der allein kein Engagement rechtfertigen würde. Vielleicht wurde Bachs Kantate ja deshalb ins Programm gehoben.

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