Alexander von Humboldt und die 8. Berlin-Biennale : Die Anschauung der Welt

Der Blick auf die Dahlemer Sammlung zur achten Berlin-Biennale ist von großem Wert. Vor allem, da ein Neubeginn im Humboldtforum droht und lockt.

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Forscher und Visionär. Alexander von Humboldt (1769–1859).
Forscher und Visionär. Alexander von Humboldt (1769–1859).Foto: picture alliance / dpa

Im zweiten Band seines „Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ (1847) beschreibt Alexander von Humboldt die „Zunahme der Weltanschauung unter den Ptolemäern“. Das waren die Nachfolger Alexanders des Großen, sie bauten in Alexandria eine neue Metropole der Forschung und der Kultur, die über Jahrhunderte als Wissensspeicher und Motor der damaligen Welt diente. Vor mehr als zweitausend Jahren war es die Stadt der Bibliothek und des Museums. Kluge Menschen trugen hier ihr Wissen zusammen und vermehrten es. Humboldt spricht von „systematischer Universal-Geografie“, und so versteht er „Weltanschauung“. Nicht ideologisch begrenzt, sondern getrieben von Neugier und der Lust auf das Offene.

Welt und Anschauung. Ein wunderbares Wort, wenn man es zu seinem Ursprung zurückführt, zum Augenmenschen, der schaut. Die „Zunahme“, die Alexander von Humboldt um das Jahr 300 v. Chr. beobachtet, verdankt sich wissenschaftlichem Fortschritt und einer rasant sich verändernden Welt. Solche Phasen gab es häufig in der Geschichte, und das ist auch grob unsere Situation: wenn man das Gefühl hat, dass der Planet sich schneller dreht, gleichzeitig abflacht und unüberschaubarer wird. Die zeitgenössische Kunst, zumal auf Biennalen, hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend wissenschaftlich orientiert und inspiriert.

Humboldts Terminologie erweist sich als zukunftsstark, wenn er von „Ideenverknüpfung“ und „raumdurchdringenden“ Mitteln und Methoden spricht. Allerdings richtete sich der Blick der Ptolemäer nach oben, auf „Himmelsräume“ und Fixsterne, während etliche Künstler sich heute mit einer dann doch politischen Geografie beschäftigen, die Armut und Kriege, Flüchtlinge, Migranten, das soziale Gefälle der Welt zum Thema hat. Weltanschauung kann auf Dauer doch nicht distanziert bleiben.

Die Berlin-Biennale geht 2014 einen Schritt zurück und auch nach vorn. Sie bezieht Quartier in Dahlem, in den Sammlungen, die eines nicht mehr so fernen Tages das Herz des Humboldtforums in der Mitte der Hauptstadt bilden sollen. Die außereuropäischen Sammlungen an der Peripherie – damit ist dann 2019 oder 2020 Schluss. Doch schon jetzt wird erkennbar, was die geistige und sinnliche Ausstrahlung des Humboldtforums ausmacht: Es ist die Idee, die Welt anders abzubilden als im klassischen Universalmuseum, das letztlich immer eurozentrisch bleibt. Biennalen, ob in Venedig, Istanbul oder Berlin, haben einen offenen, temporären Charakter: Zwischenstände.

Deshalb auch ist es umso aufschlussreicher, wenn es eine Berlin-Biennale nach Dahlem zieht, an einen Ort, der von den Museumsleuten im Grunde schon aufgegeben ist, da ein Neubeginn im Humboldtforum droht oder lockt, je nach Perspektive. Der Blick auf die Dahlemer Sammlungen ist zu einem solchen Zeitpunkt von großem Wert. Im Grunde sind die Museen bei der Freien Universität derzeit nur noch eine Institution auf Zeit – wie die Biennale selbst. Die es nun vielleicht erreicht, dass Besucher in den Südwesten der Stadt fahren, wohin es sie sonst nicht verschlagen hätte.

Das Humboldtforum wirkt bereits. Zum Beispiel im Haus der Kulturen der Welt und jetzt auf der Berlin-Biennale. Es ist schon etwas Selbstverständliches: der Gebrauch der „neuen Organe“ der Weltanschauung, von denen Humboldt spricht. Das kann auch schnell verschlissen und banal werden, so schnell, wie der Kunstbetrieb sich dreht.

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