Alfred Messel : Der Kathedralbaumeister

Alfred Messel, der Architekt von Kaufhäusern und des Pergamonmuseums, wird wiederentdeckt.

Bernhard Schulz

„Wertheim“ ist nicht mehr. Die Häuser der Berliner Kaufhauskette sind in Konkurrenzunternehmen aufgegangen oder haben gänzlich dichtgemacht. Dabei liegen die glorreichen Zeiten schon lange zurück. Sie gingen im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs unter.

Bis dahin war das „Wertheim“ an der Leipziger Straße mit zuletzt 230 Meter Fassadenlänge und 106 000 Quadratmetern Verkaufsfläche eines der weltgrößten Warenhäuser. Es lebt zumindest in der Erinnerung fort, postkartenbunt als Auftakt zur einst umsatzstärksten Einkaufsstraße Berlins. Und es lebt fort als „Kathedrale“ des Handels, als Bauwerk, das die Erhabenheit einer gotischen Kirche auf den profanen Handel übertrug.

Vor 100 Jahren, am 24. März 1909, starb Alfred Messel im Alter von nur 55 Jahren, der Architekt der „Wertheim“Kaufhäuser, zu denen weitere Paläste an Moritzplatz und Rosenthaler Straße zählten. Messels Name ist mit der Blütezeit des Warenhauses in seiner architektonischen Luxusgestalt untrennbar verbunden. Doch sein sehr viel weiter gespanntes Gesamtwerk, von dem in Berlin immerhin zwanzig Bauten überdauert haben, ist vergessen. Am Wochenende holte ein Kolloquium Messel in die Gegenwart zurück, im Herbst folgt eine Ausstellung des Nachlasses am Kulturforum.

In seinen letzten Lebensjahren galt er als der bedeutendste Baumeister Deutschlands. Die Zahl der Nachrufe war enorm; unter den Autoren befand sich auch der junge Theodor Heuss. Den Tenor hatte die „Vossische Zeitung“ bereits 1907 vorgegeben:  Messel „darf wohl als ein moderner Künstler gelten, aber zugleich auch als ein solcher, der den Geist der vergangenen großen Bauepochen mit verständnisvoller Liebe in sich aufgenommen hat“. Anlass dieser Worte war die Berufung zum „Architekten bei den königlichen Museen“, eine überraschende Entscheidung Kaiser Wilhelms II., der sich nach der vernichtenden Kritik am 1905 geweihten Berliner Dom der Moderne zuwandte.

Alfred Messel geriet jedoch im Urteil der Nachwelt zu einer Nebenfigur auf dem Weg zur dekorlosen Ingenieur-Moderne. Tatsächlich steht er für eine Strömung, die den Historismus überwand, um eine von stupidem Regelwerk befreite Klassizität zu finden. Es ging um eine Monumentalität, die dem Zeitalter von Industrie und Massengesellschaft in seiner von den wilhelminischen Zeitgenossen so empfundenen „Größe“ gerecht werden sollte. Das war in der krisengeschüttelten Weimarer Republik kein Ziel mehr. Messel war als Lehrmeister, nicht länger als Vorbild in Erinnerung. In der Nazizeit wurde der gebürtige Darmstädter Messel als – zum Protestantismus konvertierter – Jude gänzlich aus der Erinnerung getilgt. Doch schon zu Lebzeiten gab es antisemitische Untertöne, baute mit Messel doch ein gebürtiger Jude für jüdische Bauherrn – die Brüder Wertheim – den Prototyp des als „jüdischer Ramschbasar“ geschmähten Bautyps des Kaufhauses. Messel war überhaupt ein „Großstadtarchitekt“, der „als einer der Ersten den ganzen Katalog großstädtischer Bauaufgaben bewältigt“ hat, wie Fritz Neumeyer (TU Berlin) in seinem Kolloquiumsvortrag betonte.

Die Vertikalgliederung des Wertheim-Kaufhauses am Leipziger Platz als Vorstufe zum Stahlskelettbau mit gläserner Vorhangfassade zu betrachten, verkennt den monumentalen Charakter der Messel’schen Architektur. Er muss aus seiner Zeit und deren Suche nach eigenen Formen heraus verstanden werden. Die soeben erschienene Studie von Robert Habel, „Alfred Messels Wertheimbauten in Berlin“, stellt das erste Buch zu Messels Gesamtwerk seit 1911 dar. Allein Julius Posener hat 1979 in seinem epochalen Buch „Berlin auf dem Weg zu einer neuen Architektur. Das Zeitalter Wilhelms II.“ die Bedeutung Messels herausgestellt.

Die hochschießenden Streben der glasverkleideten Kaufhausfassade in der Leipziger Straße lenkten den Blick in den ersten Warenhausbau Berlins nach Pariser Vorbild. Im Inneren gruppierten sich die Etagen um verschwenderisch ausgestattete Lichthöfe. Der Eckpavillon zum Leipziger Platz überraschte die Zeitgenossen mit gotisierender Formensprache, die gleichwohl – anders als im Historismus – auf keinerlei existierende Vorbilder zurückgeführt werden konnte. Karl Scheffler, der vorzügliche Kenner Berlins, bewunderte an Messel „die geistvolle und oft großzügige Art, wie er das Alte zu etwas Neuem macht, und das Neue zu etwas, das wie alter Besitz anmutet“. Ja, der Architekt habe „dem lächerlich und verächtlich gewordenen Begriff des Akademischen die Würde zurückgegeben“.

In seiner Funktion als Museumsbaumeister – die ihm „entsetzlich viel Schererei“ eintrug – entwarf Messel sein wichtigstes öffentliches Gebäude, die Dreiflügelanlage auf der Museumsinsel für Pergamon-, Vorderasiatisches sowie Deutsches Museum. Mit der Ausrichtung auf den Kupfergraben und somit der Abwendung von der bisherigen Achse der Museumsinsel steigerte Messel den Anspruch des Bauwerks als Höhepunkt der wilhelminischen Museumskonzeption.

Was als Pergamonmuseum auf uns gekommen ist, stellt jedoch eine geglättete Umzeichnung des schroffen Erstentwurfs durch Ludwig Hoffmann, Messels Freund seit der Jugendzeit und jahrzehntelanger Stadtbaurat Berlins, dar. Die bewussten Verstöße Messels gegen die antiken Regeln, die den Bau zum Ausgangspunkt eines neuerlichen preußischen Klassizismus gemacht hätten, wurden korrigiert. Allerdings ist der in dem düsteren Ehrenhof bedrängende Eindruck des „Unfrohen“, wie ihn ein privater Bauherr an seinem von Messel entworfenen Stadthaus bemängelte, bereits dem Ursprungsentwurf abzulesen. Das Monumentale und das bloß Überwältigende sind nur durch einen schmalen Grat getrennt.

Dass Messel zugleich ein Hauptvertreter des sogenannten Reformwohnungsbaus war und Wohnanlagen geschaffen hat, die einen zu ihrer Zeit bei Kleinwohnungen unbekannten hygienischen Standard boten, ist vollständig in Vergessenheit geraten. Das übel beleumundete „Berliner Mietshaus“ hatte – wenn auch nur wenige – fortschrittliche Vertreter. Nicht die Siedlungen der zwanziger Jahre können auf Licht und Luft das Patent beanspruchen. Messel machte es 20 Jahre früher vor, ohne den Rahmen städtischen Bauens, ohne Straßenzeilen und Baufluchtlinien zu verlassen. Nicht zuletzt darin wäre Alfred Messel auch für heutige Architekten vorbildlich.

Die Kaufhaus-Kathedralen indes werden nie mehr wiederkommen. Der traurige Rest des Warenhauses Rosenthaler Straße versteckt sich hinter Neubauten. Der Moritzplatz ist wüst und leer. Der Leipziger Platz ist eine unbelebte Zone von Bürobauten, und durch die gleichnamige Straße flaniert kein Passant mehr auf der Suche nach dem Warenangebot einer Weltstadt, das niemand so großartig inszeniert hat wie Alfred Messel.

Robert Habel: Alfred Messels Wertheimbauten in Berlin. Der Beginn der modernen Architektur in Deutschland. Hrsg. vom Landesdenkmalamt Berlin (Die Bauwerke und Kunstdenkmale von Berlin, Beiheft 32). Gebr.-Mann-Verlag, Berlin 2009. 824 S. m. 409 Abb., 118 €.

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