Alison Bechdels Comicdrama "Wer ist hier die Mutter?" : Das unsichtbare Kind

Intim, obsessiv, grandios: Die amerikanische Zeichnerin Alison Bechdel und ihr Comicdrama „Wer ist hier die Mutter?“

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Knifflige Familienfragen. Alison Bechdel und ihre Mutter Helen Mitte der sechziger Jahre.
Knifflige Familienfragen. Alison Bechdel und ihre Mutter Helen Mitte der sechziger Jahre.Abb.: Alison Bechdel/Kiwi

Zwei Frauen stehen vor einem Kino. Eine schlägt vor, einen Film anzusehen und Popcorn zu kaufen. Die andere ist skeptisch und erklärt der Freundin ihre Kinoregel: Sie gehe nur in Filme, in denen mindestens zwei Frauen vorkommen, die miteinander sprechen – und zwar über etwas anderes als einen Mann. „Ziemlich streng, aber eine gute Idee“, findet die Freundin. „Der letzte Film, den ich mir ansehen konnte, war ,Alien’“, sagt die andere.

Diese Geschichte, die damit endet, dass die Frauen nach Hause gehen und dort Popcorn machen, erschien 1985 unter dem Titel „The Rule“ in Alison Bechdels Comic-Strip-Serie „Dykes To Watch Out For“. Fast 30 Jahre später ploppte die Dreikriterienregel plötzlich wieder auf und entwickelte sich zu einer viralen Erfolgsstory. Mittlerweile gibt es eine Website, die Filme nach dem Bechdel-Test einstuft, und in Schweden nutzen Kinos ihn zur Filmbewertung. Zwar hat der Test als Indikator für einseitige Genderrepräsentation auch seine Schwächen, so würde etwa „Gravity“ durchfallen, weil es neben der von Sandra Bullock gespielten Heldin keine andere Frauenfigur gibt. Trotzdem eröffnet er eine erhellende Perspektive auf Werke wie „Pulp Fiction“ oder „Grand Budapest Hotel“, die ebenso wenig bestehen wie die „Herr der Ringe“-Filme.

Man kann den Test, den sich übrigens eine in dem Strip erwähnte Freundin von Bechdel ausgedacht hat, natürlich auch auf Bücher anwenden. Bechdels eigenes, gerade auf Deutsch erschienenes, sehr persönliches Comicdrama „Wer ist hier die Mutter?“ würde ihn mit Leichtigkeit bestehen. Hier reden fast ausschließlich Frauen miteinander, um Männer geht es dabei praktisch nie. Das liegt daran, dass die 1960 geborene Alison Bechdel lesbisch ist, fast nur mit Frauen befreundet ist und überdies regelmäßig eine Therapeutin besucht. Vor allem aber geht es in diesem grandiosen, intimen und obsessiven Werk um den Versuch der amerikanischen Zeichnerin, die Beziehung zu ihrer Mutter zu verstehen und sich endlich emotional von ihr zu lösen. Ihr Vorbild ist dabei die verehrte und mehrfach zitierte Virginia Woolf, die eben dieses Ziel mit ihrem Familienroman „To The Lighthouse“ erreichte.

Bechdels Methode ist eine komplexe Mischung aus Therapie, Selbstanalyse, Gesprächsprotokollen und Erinnerungsarbeit, bei gleichzeitiger zeichnerischer Verarbeitung dieses Prozesses. Eigentlich der reine Irrsinn, doch gerade dieser selbstreferenzielle Furor und die Akribie in eigener Sache machen „Wer ist hier die Mutter?“ zu etwas Besonderem.

Alison Bechdel geht viel weiter als andere autobiografisch arbeitende Comicautorinnen und -autoren wie etwa Art Spiegelman, Robert Crumb, Marjane Satrapi oder Joe Sacco. Anders als deren meist stringent erzählte Graphic Novels wirkt Bechdels Buch in seiner durch die Zeitenebenen springenden, Fachliteratur, Tagebücher, Zeitungsartikel und Briefe zitierenden Vielschichtigkeit wie eine riesenhafte Collage – so etwas hat man in dieser Form bisher noch nicht gesehen. Mitunter laufen auf einer Seite völlig voneinander unabhängige Dinge gleichzeitig ab, wobei die eckigen Textfelder über den Bildern als eine Art Off-Kommentar dienen.

Comic-Zeichnerin Alison Bechdel, 53.
Comic-Zeichnerin Alison Bechdel, 53.Foto: Elena Seibert

Bechdel hat sieben Jahre an dieser Komposition gearbeitet, die so virtuos und flüssig ist, dass man beim Lesen wundersamerweise nie den Überblick verliert. Die sieben Kapitel tragen aus der Psychoanalyse entliehene Überschriften wie „Übergangsobjekte“ oder „Wahres und falsches Selbst“ und beginnen stets mit einem Traum Bechdels, den sie anschließend kurz deutet. Der erste endet mit dem Sprung in ein dreckiges Gewässer, was große Erleichterung bei ihr freisetzt. „Das Gefühl dieses Traums hielt tagelang an. Ich hatte mich aus einer Falle befreit und war mit blindem Vertrauen in ein lebendiges und sinnliches Etwas eingetaucht“, schreibt sie. Der anstehende Sprung ist ein Gespräch mit ihrer Mutter, das sie gerade beim Autofahren probt. Sie will ihr sagen, dass sie an einem Buch über ihren Vater schreibt. Es geht um „Fun Home“, ihr Graphic-Novel-Debüt über 20 Jahre nach „Dykes To Watch Out For“, mit dem ihr 2006 der Mainstreamdurchbruch gelang.

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