Kultur : All That Jazz: Christian Broecking über Stars, die Klassikern neues Leben einhauchen

Es gibt die Kritiker- und Leser-Preise der beiden großen amerikanischen Jazzzeitschriften, Down Beat und Jazztimes, es gibt Gold und Platin für hohe und höhere CD-Verkaufszahlen, und es gibt die Auszeichnung für Qualität, kurz Grammy genannt, die begehrteste aller Auszeichnungen. Am Donnerstag erhielt Dianne Reeves den Grammy in der Sparte "bestes Jazz-Gesangs-Album" für ihre 2000 erschienene Live-CD "In The Moment". Das Problem lag seit langem auf der Hand: Die überzeugendste Jazzsängerin ihrer Generation hatte kein Glück mit ihren Studioaufnahmen. Während sie in ihren Konzerten das Publikum regelrecht bespricht und becirzt - denken Sie nur an das atemberaubende Konzert im SFB-Sendesaal vor einem Jahr - mangelte es ihren CD-Produktionen an Ausstrahlung und Aura. Von ihren elf auf "In The Moment" versammelten Lieblingstiteln hat sie die meisten schon zuvor einmal aufgenommen, aber allein ihre Live-Version von "Afro Blue" klingt so energiegeladen, als hätte sie das einst von John Coltrane zum Klassiker gemachte Thema gerade neu erfunden.

In "The First Five Chapters" erzählt sie dem Publikum ihre Lebensgeschichte von dem Tag an, als sie 1976 nach L.A. zog, um Sängerin zu werden, "such a nice groove for some nice folks". Es passt da gut, dass das Publikum bei dieser Live-Session weiß, wovon sie spricht. Sie hatte es an zwei Abenden zu Beginn des vergangenen Jahres in die gediegene Club-Atmosphäre der 400 Menschen fassenden Instrument Rentals Sound Stage in Los Angeles eingeladen, Karten dafür konnten zuvor via Internet angefragt werden. Reeves teilt sich gern ihrem Publikum mit, bei ihren amerikanischen Konzerten kann ihre Zwischenmoderation schon mal die Länge eines ganzen Stückes annehmen. Ihr Cousin, Berater und Mentor, der Pianist George Duke, begleitet sie bei einer umwerfenden Version von "Come In", der Ethno-Soulgroove "Mista" beschließt diese vollkommen gelungene Live-CD. Ein Grammy für einen Meilenstein des Jazzgesangs.

In der Sparte "bestes Jazz-Ensemble Album" erhielt der Saxofonist Joe Lovano den Grammy für seine CD "52nd Street Themes". Damit knüpft er an seine ebenfalls grammygekrönte CD "Rush Hour" an, ein weiteres Mal geht es um die Neuinterpretation bewährter Standards. Einige der Titel wurden früher von John Coltrane, Miles Davis und Tadd Dameron zu Klassikern des Jazz gemacht. Die Herausforderung bestehe deshalb auch gerade darin, so Lovano, dem, was man lieben gelernt hat, mit neuen Ideen zu begegnen. Lovano will Standards nicht als Aufforderung missverstanden wissen, die dumpfe Kopie als Eigenleistung zu deklarieren. Dass es auch anders geht, auch dafür gab es jetzt den Grammy. Die Wochenzeitung Village Voice titelte bereits, dass der bedeutendste italienische Tenor dieser Tage nicht Luciano sondern Lovano heiße, "vergesst Pavarotti!"

Eine Band, die auch verspricht, mit den Klassikern gnädig aber ungezügelt umzugehen, ist im Quasimodo zu Gast. Dort spielt heute Abend (22 Uhr) der Schlagzeuger Al Foster, bekannt aus den Bands von Sonny Rollins, Joe Henderson und George Benson, mit seinem Quartett. Mit dabei der Saxofonist Antoine Roney - Bruder des offiziellen Miles Davis-Nachfolgers Wallace Roney - einer der beeindruckendsten Newcomer der amerikanischen Jazzszene.

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