• "Alle da" im Atze Musiktheater: Wir und die Welt: Das Thema Flüchtlinge im Kindertheater

"Alle da" im Atze Musiktheater : Wir und die Welt: Das Thema Flüchtlinge im Kindertheater

Das Atze Musiktheater packt brisante Themen wie die Flüchtlingskrise an. Um eine auskömmliche Finanzierung muss die Kinderbühne aber weiter bangen.

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Notunterkunft Erde. Szene aus dem Flüchtlingsstück „Alle da!“.
Notunterkunft Erde. Szene aus dem Flüchtlingsstück „Alle da!“.Foto: Jörg Metzner/Atze

Aktueller kann Theater nicht sein: Inspiriert von Anja Tuckermanns Buch „Alle da!“ hat Göksen Güntel am Atze Musiktheater eine Inszenierung zum Thema Krieg, Flucht und kulturelle Vielfalt herausgebracht – für Menschen ab zehn Jahren. Man merkt der Produktion an, wie intensiv die Regisseurin mit ihren Darstellern darum gerungen hat, die schwergewichtigen Sujets in einen 60-Minüter umzusetzen, der die Kinder sensibilisiert, ohne sie mit allzu detaillierten Unglücksberichten oder einer Überfülle an Reflexion zu konfrontieren.

Aus der ganz großen Vogelperspektive geht es los: In Raumfahreranzügen staksen Dela Dabulamanzi und Attila Oener über die Spielfläche und berichten mit den Worten des Astronauten Alexander Gerst, wie zerbrechlich die Erde vom Weltall aus wirkt. Und dass sich auch von dort Raketenflugrouten und Bombeneinschläge über Israel und dem Gazastreifen erkennen lassen. Langsam zoomt sich das Stück dichter an die Konflikte heran, der personifizierte Krieg tritt auf, ebenso die Flucht (Moritz Ross), zum Ende hin hält auch das Mitgefühl einen Monolog. Sehr nahe kommt den jungen Zuschauern die aktuelle humanitäre Katastrophe, wenn die Schauspieler in die Rollen von Flüchtlingen aus Syrien oder Ghana schlüpfen.

Minimale Mittel, maximale Wirkung

Mit bescheidenen technischen Mitteln und maximalem Köpereinsatz wechseln sie dabei ständig Perspektiven und Erzählhaltungen, um das Interesse der Kinder nicht zu verlieren. Sie singen und rappen, wechseln in andere Sprachen, nutzen Handkamera und Mikrofon, stoßen beim Rennen hechelnd die Silben hervor oder sprechen ganz leise. Gedanken von Martin Luther King und Erasmus von Rotterdam werden mit konkreten Schicksalsberichten verwoben – und wenn plötzlich das grelle Saallicht angeht, der Tontechniker mit harter Stimme ruft: „Kannst du bitte gehen?!“, ist das ein echter Schreckmoment.

Doch Göksen Güntel dreht die Stimmung rechtzeitig wieder, lässt das Darsteller-Trio zu fröhlicher Musik erzählen, wie in verschiedenen Kulturen gefeiert wird oder warum es spannend sein kann, mal das komisch klingende Lieblingsgericht anderer Leute zu probieren. Mit einem ganzen Fragenkatalog zur eigenen Identität werden die Fünft- und Sechstklässler entlassen: Jetzt sind die begleitenden Lehrerinnen und Lehrer an der Reihe, die Denkanstöße für Diskussionen im Unterricht zu nutzen. Die Dramaturgie des Atze Musiktheaters stellt dafür schon vorab einen 70-seitigen Reader zur Verfügung.

Nur zur Erinnerung: Es handelt sich just um jene Bühne, die bei der großen Geldgießkannenaktion des Regierenden Bürgermeisters für den Doppelhaushalt 2016/17 leer ausgehen soll. Von den 81,5 Millionen Euro, die Michael Müller in den nächsten zwei Jahren auf den Kulturetat drauflegen will, gehen 187 000 Euro an das Gripstheater und 65 000 Euro an das Theater Strahl. Mehr ist nicht vorgesehen für die Kinder- und Jugendtheater – weil, wie Kulturstaatssekretär Tim Renner im Abgeordnetenhaus betonte, Berlin mit jährlich 21,84 Euro pro minderjährigem Einwohner im Vergleich zu Köln gut das Fünffache für diesen Bereich ausgebe und immerhin noch fast ein Viertel mehr als München.

Freiberufliche Mitarbeit aus Finanzmangel

Diese Zahl lässt sich allerdings leicht entzaubern. Nur Berlin hat nämlich aus DDR-Zeiten ein Staatstheater für alle unter 18 geerbt, die Parkaue in Lichtenberg. Das ehemalige Theater der Freundschaft erhält pro Jahr gut sechs Millionen Euro und bindet damit den Löwenanteil der überdurchschnittlich hohen Summe, die in der Hauptstadt für Kinder- und Jugendbühnen ausgegeben wird.

Damit kann die Parkaue als einzige Institution des Genres sowohl ihren Künstlern wie dem technischen Personal angemessene Löhne zahlen. Die übrige Szene lebt von Selbstausbeutung. Seit seiner Gründung beschäftigt das Atze Musiktheater beispielsweise seine Mitwirkenden auf freiberuflicher Basis. Was bedeutet, dass die Darsteller nur projektweise Honorar erhalten, derzeit 120 Euro pro Vorstellung. Jetzt allerdings wurde Intendant Thomas Sutter per Gerichtsbeschluss dazu verdonnert, seine Truppe sozialversicherungspflichtig anzustellen.

Obwohl es sich um eine aus Geldmangel bundesweit in der Freien Szene übliche Praxix handelt, pickt sich die zuständige Bayerische Versicherungskammer immer mal wieder Ensembles heraus, an denen sie ein Exempel statuiert. Im Fall von Atze tat sich ein Finanzloch in Höhe von 167.000 Euro auf, ein Riesenbatzen für die Truppe mit eigenem Haus im Wedding, die bei einem Gesamtbudget von 690.000 Euro 470 Vorstellungen pro Saison stemmt.

Dieses Jahr hat die Senatskulturverwaltung helfend eingegriffen, für 2016/17 aber will man bislang offiziell keinen zusätzlichen Cent herausrücken. Thomas Sutter habe doch Berufung gegen das Urteil eingelegt, heißt es – den Ausgang der zweiten Prozessrunde wolle man erst einmal abwarten. Eine kaltherzige Hinhaltetaktik.

Die Schulaufführungen von „Alle da!“ sind bis Januar ausverkauft, für die Familienvorstellungen am 17. Oktober und 21. November gibt es noch Karten.

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