Kultur : Alle Menschen werden Brüter

„Schöne neue Welt“ als Musical: Das Berliner Grips-Theater und Volker Ludwig suchen die Zukunft

Rüdiger Schaper

Aldous Huxley, ein Schriftsteller mit Guru-Qualität und Idol der Hippies, war mit seiner Schöpfung nie wirklich zufrieden. Wie hätte er es auch sein können – es ist ja nicht alles schlecht in seiner „Schönen neuen Welt“. Drogen, ewiger Frieden, alle Menschen werden Brüter, keine Probleme mehr mit Familie und Arbeit. Als der Brite 1932 seine negative hypertechnologische Utopie entwarf, ahnte er noch nichts vom Grauen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. Huxleys literarische Experimente mit der perfekten Weltordnung blieben ambivalent. In den sechziger Jahren schrieb er, nach Drogenselbstversuchen, ein Buch mit dem Titel „The Doors of Perception“; eine kalifornische Rockband mit einem gewissen Jim Morrison hat sich danach benannt.

Eine Menge geht einem durch den Kopf, wenn man im Grips-Theater sitzt und die Uraufführung eines Musicals nach dem Roman von der „Schönen neuen Welt“ erlebt. Was für ein Wahnsinn! Was für ein Stoff! Weit weg, ganz nah. Die Sache mit der Weltregierung, die erbarmungslos Glückspillen verteilt – unsere Globalisierung läuft etwas anders. Die Entwicklung der menschlichen Klonerie – Huxley besaß da immense seherische Fähigkeiten. Konsumterror, freie Liebe, zwei junge Menschen, die gegen das Establishment aufbegehren. Huxleys Klassiker bietet reichlich klassische Grips-Themen. Mal zu viel davon, und dann wieder zu wenig. Diese „Schöne neue Welt“ von anno dazumal bleibt abstrakt, auch wenn Grips-Chef und Autor Volker Ludwig manches in Richtung USA und Berlin aktualisiert. Zum Beispiel das Problem der Gebärmüdigkeit hierzulande. Deutschland ist Avantgarde! In Huxleys rundum beglückter Zukunft gibt es keine Mütter und Väter mehr, Sex läuft über Mikrochips; eine hübsche kabarettistische Vorlage für das stark verjüngte Grips-Ensemble.

Aber dem Regisseur Matthias Davids gelingt keine zupackende Geschichte. Es fehlen Figuren, mit denen man lachen und leiden kann. Erst spät kommen John aus der Wildnis (Christoph Letkowski) und das Beta-Mädchen Lenina (Kathrin Osterode) zu einem rührenden Duett, und der wuselnde, aufgekratzte Hofschranzenstaat der Controller (Choreografie: Neva Howard) macht mal Pause. Barbara Kremer hat sich für die Utopisten klamaukige Kostüme ausgedacht. Die Männer mit Max & Moritz-Tollen, die Frauen in gerafften Röckchen. Als hätten sich ein paar Teletubbies zur letzten „Rocky Horror Show“ auf die Enterprise verirrt.

Das Grips, sonst fest im Hier und Jetzt, versucht eine Menge neuer Sachen – nicht nur gute. Mathias Fischer-Dieskau schafft in der kleinen Arena immer wieder Raum und Tiefe. Eine irreführende Perspektive: Die auf die Rückwand projizierte Architektur strahlt strenge Sachlichkeit aus, das macht keinen Horror, es sieht schick aus. Oben auf der Brücke, auf ihrem Stammplatz, die Musiker um George Kranz, den Drummer. Die No-Ticket-Band, wie sie sich in der „Linie 1“ nennen. Hier spielen sie wie mit angezogener Bremse. Das klemmt am meisten in der „Schönen neuen Welt“: die Kompositionen von Achim Gieseler.

Er rollt Klangteppiche aus. Illustriert Dialoge. Songs bringt er nicht. Da bleibt wenig im Ohr. Wieder dies ambivalente Gefühl: Die Ausstattung, der ganze Auftritt, der Gestus – sieht aus wie bei einem kommerziellen Musical. Doch dafür läuft die Aufführung viel zu zäh. Und die Bösen wirken ziemlich nett.

Oft ist dem Grips-Theater vorgeworfen worden, es habe eine viel zu einfache Sicht auf die Welt. Aber das war in Wahrheit immer seine Stärke: Feindbilder, die aufgebaut und dann zerrissen werden. Karikaturen, die menschlich sind. In der neuen Produktion würde man schon gern wissen, gegen wen es hier geht und um was. Pharmakonzerne? Klimazerstörer? Brutale Weltverbesserer? Es gibt keinen ernsthaften Konflikt: Selbst den Oberideologen Mustafa Bond (Claudius Freyer) beschleichen Zweifel, ob seine perfekte Welt wirklich so perfekt ist. Kann man die Menschheit zum Glück zwingen, wie stark muss gesellschaftliche Kontrolle sein? Freiheit, Gleichheit, und wo bleibt das Individuum? Das alte linke Dilemma. Einem so erfahrenen Dramatiker wie Volker Ludwig könnte dazu mehr einfallen.

Denn er ist ein Erzähler, dem Junge und Alte zuhören. So sind die großen Grips-Stücke im Grunde allesamt: Märchen der Großstadt. Ludwig und seine Leute haben mit „Linie 1“ und deren Nachfolgern (bis hin zu „Baden gehn“) nicht nur internationale Hits, sondern auch ein eigenes Genre geschaffen, halb Musical, halb Lehrstück, und immer Melodram, immer komisch, aus einem Guss. Mit der „Schönen neuen Welt“ hat sich das Grips-Theater auf einen konventionellen Musical-Weg gemacht. Es spielt seine Kraft und Fantasie nicht aus und wirkt auch nicht besonders glücklich.

Achim Gieseler, der Komponist, besitzt die Weltrechte für die nicht-englischsprachige Theaterfassung des berühmten Romans. Klingt kompliziert, aber die Huxley-Droge muss für das Grips einfach zu verlockend gewesen sein.

Wieder heute und vom 22. bis 26. 11.

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