Kultur : Alle Verzweiflung, alle Schönheit

KAMMERMUSIK

Uwe Friedrich

Tiefe Verzweiflung durchweht Alfred Schnittkes viertes Streichquartett . Das fünfsätzige Werk besteht eigentlich aus einem einzigen langsamen Satz, der immer wieder von hektischen Ausbrüchen zerrissen wird. Der Komponist hat dieses Werk den vier Musikern des Alban Berg Quartetts gewidmet, die Umsetzung im Kammermusiksaal der Philharmonie darf also als authentisch gelten, vor allem was die Klangwelt des Quartetts angeht. So bleiben selbst die schroffsten Ausbrüche aufgehoben in einer zutiefst romantischen Kunstauffassung. Voller Wärme und saftiger Tongebung erhält auch die vierteltönige Auflösung überkommener Harmonik etwas Zuversichtliches. Nicht die Auflösung des Klangs in Geräusche interessierte Schnittke, sondern das Musik-Machen gegen das Nichts. Vollkommen selbstverständlich entsteht die Großform des 40-minütigen Stücks aus den verketteten Einzelteilen, weil die vier Musiker sich vertrauensvoll dem Notentext ergeben. Selbst die vorangestellte Introduktion von Haydns „Sieben Worten unseres Erlösers“ fügt sich dank der Klangdisziplin organisch ein.

Derselbe unspektakuläre Zugang kennzeichnet auch die Interpretation von Beethovens spätem Streichquartett Nr. 14 op.131. Auch hier werden die sieben Einzelsätze beinahe zu einem einzigen zusammengezogen. Es entsteht eine Großform, die ebenfalls ganz durchströmt ist von romantischer Schönheit. Beethovens Kühnheiten werden beinahe versteckt im perfekten Zusammenspiel, die harten Brüche verschwinden unter glattem Verputz. Warum die Zeitgenossen verstört waren von Beethovens späten Werken? In dieser Sichtweise bleibt es völlig unverständlich. In Schönheit verzweifeln, könnte das heimliche Motto des Abends sein. Das ist sehr angenehm und leider auch ein bisschen langweilig.

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