Kultur : Allee der Lobbyisten

FREDERIK HANSSEN

Vitamin B für die Szene: Berlins Kultursenator Radunski und sein Gutachter Peter Stoltzenberg erklären, nach welchen Regeln kleine Privattheater und Off-Gruppen zukünftig an Staatsgelder kommenVON FREDERIK HANSSENDie gute Nachricht zuerst: Auf drei profilierte Berliner Off-Bühnen geht ab 1999 ein warmer Subventionsregen nieder.Die bisher mit 690 000 Mark jährlich dotierte Neuköllner Oper bekommt künftig satte 1,4 Millionen, das Theater 89 erhält mit 800 000 Mark das Doppelte der bisherigen Förderung, die Choreographin Sasha Waltz sogar das Dreifache, nämlich 750 000 Mark statt einer Viertelmillion wie bisher.Dann aber wird es auch schon problematisch: Durch die Koalitionsvereinbarung von CDU und SPD war Kultursenator Peter Radunski im Januar 1996 damit beauftragt worden, "für kleine und mittlere Privattheater sowie für freie Gruppen eine neue Förderstruktur zu erarbeiten, die die Durchlässigkeit in den Förderarten ermöglicht".Damit war gemeint, daß von den 23 Subventionsmillionen, die der Kulturetat für diesen Bereich vorsieht, nicht mehr alljährlich 15 Millionen Mark ungeprüft für sieben West-Berliner Privattheater reserviert sein sollten, während die übrigen rund 400 freien Gruppen der Hauptstadt mit 8 Millionen Mark zurechtkommen sollten.Im September 1997 beauftragte Radunski dann den gebürtigen Berliner und langjährigen Heidelberger Intendanten Peter Stoltzenberg mit einer Ein-Mann-Evaluierung der Off- wie der kleinen Privattheater.Den ersten, den Privattheatern gewidmeten Teil stellte Stoltzenberg Ende Januar vor, der zweite Teil mit der Evaluierung der Off-Szene folgte gestern.Die Botschaft war eindeutig: Eigentlich bleibt alles beim alten.Zwar wird die bisherige unkontrollierte Endlosförderung abgeschafft und durch eine "Konzeptförderung" ersetzt, die ein Gutachter alle vier Jahre vergibt, doch die übrige Szene muß weiter den steinigen Weg über Anträge bei einer Jury gehen.So wird sich an den Subventionsvolumina von Zweidritteln für die kleine Sahnehäubchenfraktion der "Konzeptgeförderten" und ein Drittel für den Rest wohl wenig ändern, außer, daß von Zeit zu Zeit durch einsamen Gutachterbeschluß die Namen im Hochsubventionssegment ausgetauscht werden.Gefragt, warum denn die vielen Vorschläge für eine radikale Neuordnung der Geldvergabekriterien aus den Reihen der Betroffenen im Gutachten mit keinem Wort Erwähnung finden, antwortete Stoltzenberg, er habe sie zwar alle gelesen, aber ebenso auch komplett verwerfen müssen, da er ein "entschiedener Gegner der Einführung weiterer Management-Ebenen" sei.Die Betroffenen hatten vorgeschlagen, mehrere zentrale Spielstätten nach dem Vorbild des Theaters am Halleschen Ufer einzurichten, Häuser mit guter Infrastruktur, die sowohl Berliner wie nicht-Berliner Off-Ensembles offenstehen.Doch Stoltzenberg, der sein Intendantenleben die Kunst gegen die Gesetze des öffentlichen Dienstes verteidigen mußte, assoziierte offenbar sofort Management mit "Wasserkopf".Dabei schwebte den jungen Theatermachern vielmehr eine Art Festivalbüro an der Spitze der Spielstätten vor, das den Kreativen in den Bereichen Organisation und Marketing gerade den Rücken freihalten soll.In seiner Ablehnung war sich Stoltzenberg allerdings mit dem lean management-Guru Radunski völlig einig.Ebenso wie in allen anderen Punkten des Gutachtens auch, das nach dem Willen des wie immer eiligen Senators bis zum 1.Juli das Abgeordnetenhaus passiert haben soll.Überhaupt zeigte sich Peter Radunski gestern sehr zufrieden und lobte Stoltzenberg als einen Mann mit "Konzept und Courage", der "genau dem entsprochen hat, was ich gefordert habe".Da aber liegt das größte Problem: Stoltzenberg, zweifellos ein integrer und nach bestem Wissen und Gewissen urteilender Theaterprofi, hat sich haargenau an die Vorgaben seines Auftraggebers gehalten - und ist prompt in sämtliche Berliner Sumpflöcher gefallen.Man mag mit ihm nicht einer Meinung sein, wenn er behauptet, bei der Off-Evaluierung habe er gar nicht anders handeln können, als lediglich die wenigen Gruppen zu begutachten, die er sich vom Beirat nennen ließ - aber man wird hellhörig, wenn im Gutachten plötzlich doch noch zwei weitere Gruppen auftauchen, nämlich ausgerechnet das Puppentheater Hans Wurst Nachfahren und der seit Jahren vom Umbau seiner Spielstätte am Theatermachen gehinderte Andrej Woron, beide als äußerst offensive Lobbyisten im Umkreis des Senators bekannt.Nicht anders war es ja schon bei den Privattheatern gewesen.Auch hier beschäftigte sich Stoltzenberg auf Radunskis persönlichen Wunsch mit zwei Theatern, die nichts mit dem Untersuchungsgegenstand zu tun hatten: Mit den bislang staatlich nicht geförderten Wölfferbühnen am Kurfürstendamm - im Gutachten notierte er "Mietzuschuß?", was Radunski gestern dahingehend konkretisierte, daß der Senat 500 000 Mark locker machen werde - und mit dem Theater im Palais, einer Institution mit beneidenswert guten Verbindungen, deren hübsche literarische Programme dem Gutachter prompt so gut gefielen, daß er das Haus gleich für die Konzeptförderung vorschlug.Nach Radunskis Geschmack geriet schließlich auch die neue Jury.Der einst von der Szene durchgesetzte basisdemokratisch ermittelte Beirat hat endgültig ausgedient.Im neuen Gremium werden nur noch zwei der fünf Mitglieder von den Gruppen gewählt, die übrigen Vertreter kommen zukünftig gleich aus der Lobbyistenecke: Sie sollen vom Senator selber, dem Deutschen Bühnenverein und vom Kinder- und Jugendtheaterzentrum bestimmt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben