Kultur : Aller bösen Dinge sind drei

Vor der Puccini-Premiere an der Deutschen Oper Berlin: eine Begegnung mit der Regisseurin Katharina Wagner

Christiane Tewinkel

Irgendwie hatte man sich wohl vorgestellt, dass sie ein Barett tragen würde wie ihr Urgroßvater. Den kühlsilbernen Blick ihrer Urgroßmutter Cosima aussenden. Das Genialische ihres Onkels Wieland ausstrahlen oder die intellektuelle Schärfe ihrer Cousine Nike. Doch Katharina Wagner, 27-jährige Urenkelin des großen Richard, sieht bloß aus wie sie selbst: herb, blond, hochgewachsen. Ruhig und natürlich. Mit dunkler Stimme und einer gewissen Kernigkeit, bei der man sofort fragen möchte, ob sie wohl ein Pferd hat oder doch zumindest Motorrad fährt. Man fragt natürlich nicht. Schließlich soll es um ihre Arbeit als Opernregisseurin gehen und um Giacomo Puccinis „Il trittico“, der heute Abend an der Deutschen Oper Berlin unter der musikalischen Leitung von Stefano Renzani Premiere hat. Es ist Katharina Wagners vierte große Regiearbeit. Zuletzt inszenierte sie den „Waffenschmied“ in München, 2004 brachte sie in Budapest den „Lohengrin“ auf die Bühne, zwei Jahre zuvor den „Fliegenden Holländer“ in Würzburg. Damals war sie noch Studentin der Theaterwissenschaften an der FU. Was kann jemand wie sie an der Universität noch lernen?

Für die praktische Theaterarbeit eher wenig, zumal Katharina Wagner schon als Jugendliche begann, bei großen Regisseuren zu hospitieren. „Aber was den Überblick angeht, die Inszenierungsgeschichte – da weiß man schneller, wo man hingreift.“ Wichtiger ist, dass Katharina Wagner ihren Dramaturgen Robert Sollich an der Universität kennen gelernt hat. „Schon immer“ oder doch zumindest seit der ersten Produktion arbeiten die beiden zusammen. Wagner hat gute Erfahrungen damit gemacht, sich beim Inszenieren nicht ganz allein auf sich zu stellen. Gern denkt sie zu zweit nach, fast noch lieber zu dritt. „Zwei Leute können sich gegenseitig schnell von einer Meinung überzeugen.“

In Berlin ist es der Bühnen- und Kostümbildner Alexander Dodge, der die Inszenierungstrias vervollständigt. Drei für drei – Puccinis 1918 in New York uraufgeführtes Triptychon dürfte den jungen Leuten genügend Stoff für verzwickte Probleme gegeben haben. Denn jeder der drei Einakter ist ein Kosmos für sich: „Il tabbaro“ erzählt die Geschichte einer mörderisch ausgehenden Dreiecksbeziehung, „Suor Angelica“ jene einer Frau, die ein uneheliches Kind geboren hat, dafür im Kloster büßt und sich auf die Nachricht vom Tode des Kindes hin umbringt. „Gianni Schicchi“ schließlich pardauzt mit der Klamotte einer Testamentsfälschung in die tragischen Geschichten hinein. Anfangs, erzählt Wagner, habe sie gedacht, dass „die Leute“ erwarten, dass sie die Stücke zusammenhängend präsentiere. Genügend raffinierte Lösungen dafür gibt es längst. „Aber die guten Ideen von Kollegen kann man natürlich nicht klauen.“ Nachdem man sich entschied, mit künstlichen Konstruktionen gar nicht erst anzufangen, hätten sich die Stücke – „lusticherweise“, sagt Wagner fränkisch angehaucht – wie von selbst wieder zusammengefügt: Das Bühnenbild bleibt die ganze Zeit bestehen, außerdem gibt es kleine, fast unsichtbare Brücken zwischen den Stücken. Nur die Reihenfolge wird in Berlin anders sein: Wagner beginnt mit der Nonne, weil sie „so weit von der Gegenwart weg ist“, wendet sich dann dem „Gianni“ zu und zeigt erst danach das Paar. „Das hat für mich etwas sehr Heutiges: die Kälte, die sich die beiden entgegenbringen. Dies Nicht-drüber-sprechen-Können, das Runterschlucken.“

Ein Jahr lang hat sich Wagner vorbereitet. Sie arbeitet immer zunächst mit dem Klavierauszug und der Musik selbst, versucht die Handlung so lange wie möglich auszublenden, um allzu eindeutige Übersetzungen zu vermeiden. Sie ist „sehr konkret“, wenn sie zu den Proben kommt. Von Regisseuren, die ihre Darsteller erst einmal „anbieten lassen“, hält sie wenig. „Ich bekomme Geld dafür, dass ich inszeniere. Ich bin vorbereitet.“

Nur beim „Gianni“, dem Berliner Mittelstück, sah Katharina Wagner sich gezwungen, von den Reißbrett-Plänen Abstand zu nehmen. Weil jede Phrase dieses Stückes neue Information bringt, mit der inszenatorisch umgegangen werden muss. Und weil das, was auf der Probebühne tatsächlich vor sich ging, ihren Ideen nicht entsprach. Dass sie ihre Arbeit „wahnsinnig ernst“ nehme, glaubt man der Wagner-Urenkelin sofort. Und auch wenn es vor allem ihr Name sein mag, der ihr die Türen zu den großen Häusern öffnet, weniger ihr ruhiger Ehrgeiz, ihre Solidität und die konzeptionelle Kraft ihrer Mitstreiter: Zumindest wird viel getan dafür, dass Wolfgang Wagners Kronprinzessin das Handwerkszeug lernt. 2007 tritt sie in Bayreuth mit den „Meistersingern“ an. Um das Berliner Debüt abzunehmen, haben sich ihr Vater Wolfgang, Bundespräsident Horst Köhler, Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Christian Thielemann angesagt.

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