Kultur : Alles fließt

Ornette Coleman, endlich wieder in Deutschland

Maxi Sickert

Das Jazzereignis des Jahres fand jetzt in Ludwigshafen statt, im Rahmen der 7.Ausgabe des engagierten „Enjoy- Jazz!“-Festivals unter der künstlerischen Leitung von Rainer Kern. Im ausverkauften Feierabendhaus war die Bühne aufgebaut wie ein Kunstwerk: in der Mitte das ausladende Schlagzeugset von Denardo Coleman auf einem Podest, umgeben von blau angestrahlten Plexiglaswänden. Rechts und links die Bassisten Tony Falanga und Greg Cohen in rotem Licht und in der Mitte ein hochbeiniger Drehstuhl, gelb beleuchtet. Dor lehn: Ornette Coleman, in hellblauem Anzug und blauer Seidenkrawatte, neben sich Altsaxofon, Trompete und Geige.

Es ist das seit zehn Jahren erste Deutschlandkonzert des 75-jährigen Ausnahme-Saxofonisten, Klangwissenschaftlers und Künstlers, der durch sein Konzept der Gleichwertigkeit von Harmonie, Bewegung und Melodie – näher erklärt auf seiner Webseite harmolodic.com – den Jazz erweitert hat. Seit seiner ersten Veröffentlichung 1958 sind über 50 Alben erschienen, das letzte 1996. Neben der Zusammenarbeit mit der FluxusKünstlerin Yoko Ono in den Sechzigern, Jerry Garcia von den Grateful Dead in den Achtzigern und Kurt Masur und den New Yorker Philharmonikern im Jahr 1997 ist der Träger des hoch dotierten McArthurGenius-Preises ein – trotz höchster künstlerischer Anerkennung – nach wie vor schwer fassbares Phänomen.

Auch an diesem Abend überrascht er – durch die unerwartete Hinwendung zur Melodie. Sein weißes Altsaxofon, das er in den frühen Sechzigern von einem Instrumentenbaumeister in Paris geschenkt bekam – mit der Auflage, es zurückzubringen, wenn er nicht mehr darauf spielen will – hat die Besonderheit einer zusätzlichen Öffnung und erlaubt damit das tiefe A. So lässt er die Melodie in besondere Klangtiefen abtauchen, spielt zart und tänzerisch wie mit einer Flöte, gebrochen und dann wieder erweitert durch den gestrichenen Bass des klassisch ausgebildeten Tony Falanga und die rhythmischen Muster des Tom-Waits-Bassisten Greg Cohen, gemeinsam mit Colemans Sohn Denardo.

Sie spielen schnell und konzentriert. Immer dichter und atemloser wiederholt sich das Thema, reihen sich die Töne aneinander. Danach kommt die Verlangsamung der Zeit, sanft gedehnte Intervalle, gestrichene Melodielinien. Er experimentiert mit der physischen Erfahrung der Klangbewegung und lässt so einen geometrischen Soundflow zwischen den Musikern entstehen: linear zwischen den beiden Bässen und vom Schlagzeug zum Saxofon. Das Saxofon selbst hat einen vertikalen Soundverlauf, der den Klang nach oben ausrichtet. Dann nimmt Coleman die Geige, und gemeinsam mit den gleichzeitig gestrichenen Bässen entsteht eine weitere, zirkulare Melodieebene.

Als Zugabe spielt der Meister „Lonely Woman“ – und transportiert reine Schönheit. „Beauty Is A Rare Thing“ nannte er eines seiner Stücke: Dieser Abend war eine solcher seltenen Gelegenheiten.

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