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Im Rausch des großen Klangs: Georges Prêtre begeistert mit dem DSO

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Welche Vitalität, welcher Charme, welche Lebensfreude! Georges Prêtre feiert im August seinen 87. Geburtstag – und wirkt immer noch so kokett wie ein junger Dandy. Sein Dirigat ist ein einziger Flirt mit den Musikern. Und natürlich auch mit dem Saal. Er tanzt, er grimassiert, singt lautlos mit, knetet die Töne mit geübten Händen – kleine Kunststückchen eingeschlossen: Wenn er am Sonntag in der Philharmonie vor dem Finale der 2. Brahms-Sinfonie plötzlich einen Taktstock aus den Noten des Konzertmeisters fischt, ist Prêtre derjenige, der sich am meisten über dieses Übertretungsmanöver freut.

Die raren Auftritte des französischen Maestro beim Deutschen Symphonie- Orchester waren in den vergangenen Jahren stets besondere Ereignisse. Und so ist es auch jetzt wieder. Georges Prêtre ist ein Augenblicksmusiker, dem es vor allem um die Verlebendigung einer Partitur geht – und der seinen Zuhörern damit eindringlich ins Gedächtnis ruft, dass es sich bei der Musik um die flüchtigste aller Künste handelt. Johannes Brahms’ D-Dur-Sinfonie erblüht unter seinen Händen im steten Wechsel von Anspannung und Entspannung, lichtvoll, energetisch. Prêtre sucht keinesfalls nach dem Abgründigen, will nicht Tonsatzanalyse betreiben, sondern genießen, den Rausch des großen Orchesterklangs, die Schönheit, die Leidenschaft, die er mit jugendlicher Neugier im altbekannten Werk entdeckt. Am Ende springen die Leute in der Philharmonie von ihren Sitzen, feiern dankbar den Nimmermüden.

Für den ersten Konzertteil hatte sich Georges Prêtre zwei Kompositionen seines Landsmanns Francis Poulenc gewünscht. Als weltläufige, klanglich luxuriös verpackte Art-Déco-Unterhaltungsmusik präsentiert er „Les animaux modèles“, ein Ballett-Divertissement von 1942 – mit Melodien, die sich wollüstig räkeln wie frisch verliebte Großbürgerkinder in ihrer Seidenbettwäsche. Scharfkantiger, zeitgeistiger, expressionistisch-jazziger ist da Poulencs Konzert für zwei Klaviere, zehn Jahre früher entstanden. In den Ecksätzen bearbeiten Katja und Marielle Labèque die Tastaturen ihrer Flügel angemessen perkussiv-maschinenhaft, in den lieblichen Passagen des Larghetto forschen sie nach dem klanglichen Äquivalent von Veilchenduft, unbeeindruckt von den frechen Einwürfen der kleinen Trommel.

Besonders gewitzt aber gerät den Schwestern ihre Zugabe, eine vierhändige Vision Poulencs von der „Einschiffung nach Kythera“. Auf der durch Watteaus Gemälde wohlbekannten Liebesinsel gibt bei ihm ganz offensichtlich auch eine Filiale vom Pariser Maxim’s. Man möchte wetten, dass Georges Prêtre dort zu den Stammgästen gehört. Frederik Hanssen

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