Kultur : Alles knapsu, oder was?

Nordschweden rockt: Reza Baghers „Populärmusik aus Vittula“

Sebastian Handke

Saunen und Saufen. Glaube und Predigt. Holzhacken und Fingerhakeln. Das sind die Konstanten in Toredalen, dem nördlichsten Zipfel Schwedens, wo man Schwedisch mit finnischem und Finnisch mit schwedischem Akzent spricht. Hier wohnt ein Volk von Rüpeln, Holzfällern, Elchjägern und Flößern. Frauen sind auch dabei, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht, denn wo sich Schnake und Elch gute Nacht sagen, geht’s für den Menschen ums Überleben, und das ist Sache der Männer. Männer, die keine Angst haben. Vor dem Tod nicht, und auch nicht vor einem Dreitagekater. Alles andere ist knapsu: weibisch, verweichlicht, unmännlich.

Die Ausbreitung von knapsu ist eine Folge des Fortschritts. Im Schweden der 60er Jahre brummt die Wirtschaft. Sogar Pajala bekommt eine Asphaltstraße, und wo es Asphaltstraßen gibt, da haben junge Männer zu viel Zeit für anderes (sie sind, wie einer der Ältesten klagt, schon nicht mal mehr in der Lage, ein faules Stück Fleisch zu essen).

Matti und Niila sind ziemlich knapsu. Ihre Freundschaft beginnt nicht mit einem Blutsbrüder-Ritual, sondern mit dem Austausch von verhärtetem Nasenschleim. Sie lesen Bücher, hören Musik und bewegen sich sogar dazu. Råckönråll mjosik! Die erste Beatlesplatte in Pajala, im Tausch gegen Niilas Familienbibel, schlägt ein wie ein fremder Gruß freiheitlicher Lebensformen jenseits von Toredalen. Gegen alle Regeln gründen Matti und Niila eine Band, die erste Rockband von Pajala. Denn in Pajala fallen knapsu und Rebellentum zusammen.

Mikael Niemis Erfolgsroman „Populärmusik aus Vittula“ verbindet ein Menge Klischees über das trinkfreudige Volk nördlich des Polarkreises mit einer herkömmlichen Coming-of-Age-Geschichte, bei der Rockmusik als Katalysator pubertärer Befreiung herhalten muss und die erneut den Beweis führt, dass die Finnen, selbst wenn sie in Schweden leben, die Lakonie erfunden haben. Für sich genommen, sind das nicht unbedingt die originellsten Zutaten. Mikael Niemi verband sie aber in saftig-derber Sprache zu einem höchst unterhaltsamen Roman, der der finnischen Minderheit eine Stimme gab und dem vergessenen nördlichen Niemandsland zu ungeahntem Ruhm verhalf. Niemi hatte seine Heimat so beschrieben, dass viele Schweden darin den mythischen Ort ihrer eigenen Kindheit wieder fanden. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man knapsu ist und in einer Gegend aufwächst, die ihre eigenen Klischees lebt?

Regisseur Reza Bagher, der mit siebzehn Jahren selbst eine Art Landflucht von Iran nach Schweden beging, hat das Buch auf die Leinwand gebracht und das Beste des Romans hinüberretten können: die Verbindung von Burleske, Drama und magischem Realismus. Er hat sich dafür fünfzig Drehtage lang mit der Handkamera an den Originalschauplatz bemüht und die wichtigsten Anekdoten mit Schauspielern und ortsansässigen Laien nachgestellt – der Busfahrer spielt den Busfahrer, der Schuldirektor den Schuldirektor, und so weiter.

Für die Schlüsselstellen der Initiationsgeschichte hat Bagher großartige Bilder gefunden: Niilas Übergang vom Knaben- ins Teenageralter etwa, eingeschlossen in einen alten Kessel, aus dem er sich auf wundersame Weise mit Muskelkraft befreit, gerade als im Torneälv-Fluss das Eis bricht. Oder die erste Rockplatte von Pajala, die Matti und Niila rotierender Weise von den Einschränkungen der Schwerkraft frei macht und in eine neue Wirklichkeit schleudert. Mühelos integriert Bagher auch das Drama, das sich in Niilas repressiv religiöser Familie abspielt – hier tut sich im letzten Drittel ein Abgrund auf, der fast noch besser gelingt als die Komödie drumherum.

Im Grunde aber bleibt der Film stets an der Oberfläche: „Populärmusik“ ist weniger ein durchkomponierter Entwicklungsroman als die heiter-nachdenkliche Geschichte einer Freundschaft, beleuchtet von einer losen Kette kauzig-schratiger Episoden. Anflüge von psychologischem Pseudorealismus bleiben uns erspart. Die anekdotische Erzählweise, die Freude am Maßlosen und Vulgären führen unvermeidlich zu Vergröberungen und damit zu einem Film, der einer etwas ungerichteten Dramaturgie folgt. Das trübt das Vergnügen aber kaum an dieser amüsanten Dorfkomödie, die im Zuschauer selbst den Wunsch reifen lässt, in der nördlichsten aller Provinzen aufgewachsen zu sein.

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