Kultur : Alles muss man selber machen

Massenszenen für eine Welt ohne Massen: Der Künstler und Rollenerfinder Martin Liebscher inszeniert sich als hundertfacher Einzelgänger

Kai Müller

Die Vorstellung, dass es uns zweimal geben könnte, hat etwas Beängstigendes. Noch, heißt es, sei die Genforschung nicht soweit, identische Menschenklone herzustellen. Aber schon der Gedanke daran, dass es Wesen von derselben Statur, mit denselben schlechten Angewohnheiten und demselben biologischen Schicksal geben könnte, bereitet uns Unbehagen. Dabei birgt es die schönste Omnipräsenz-Fantasie. Seien es Filme wie „Matrix“, das Werbeplakat für ein Arzneimittel oder die Video-Clips von Popstars wie Aphex Twin, Robbie Williams und George Michael – es ist in Mode gekommen, sich als digitaler Wiedergänger seiner selbst zu inszenieren.

„Als die Schose mit den Verdopplungen in den letzten Jahren hochkam“, sagt Martin Liebscher. „dachte ich, jetzt habe ich das verpasst.“ Während sich das Morphing als ästhetischer Effekt kommerziell durchsetzt, reagiert die Kunstszene reserviert auf die wundersame Ich-Vermehrung, die der Wahlberliner seit Mitte der Neunziger auf immer opulenteren Panoramabildern betreibt. Tatsächlich sieht der gebürtige Naumburger auch eher wie ein Anti-Held aus. Schütteres, kurzes Haar, struppiger Kinnbart, dunkel umrandete Augen. Der Kopf, vornüber geneigt, drückt seine Schultern in die Tiefe. Kurz: Nicht gerade der Typ Selbstdarsteller, dem eine narzistische Ich-Fixierung ins Gesicht geschrieben steht. Trotzdem ist der 39-Jährige sein eigenes role model. Ob Konferenzräume, Spielsäle, Fernsehredaktionen, Bars, Galerien oder sein Atelier: Der 39-Jährige setzt sein Alter ego in absurden Massenstudien für eine Welt in Szene, die die Masse aus ihrem Bewusstsein verbannt hat.

Am weitesten hat er dieses Prinzip des Selbstporträts in zwei Arbeiten getrieben, die jetzt in der Galerie Wohnmaschine zu sehen sind. Das eine, „Casino Intercontinental“, stellt die überspannte Ausgelassenheit einer Zockerrunde nach. Das andere, „Deutsche Börse“, spielt auf dem Frankfurter Parkett. Mit großem Humor und viel Verständnis für die Hektik und Dramatik des Wertpapierhandels fängt Liebscher ein Kaleidoskop menschlicher Regungen ein. Da winden sich Händler unter Schmerzen auf dem Boden, debattieren aufgeregt oder verkrallen sich in absurder Verrenkung am Mobiliar. „Wenn man sich ein Bild vom Kapitalismus macht“, sagt Liebscher, „dann endet man in diesem Raum.“

Es ist bezeichnend für den ironischen Ansatz des Künstlers, dass er nicht von einer Suche spricht. Er will nicht demaskieren und hinter Fassaden blicken. Auch nutzt er den Verdopplungseffekt nicht, um Identitätsfragen zu stellen. Liebscher ist ein Spieler. Nicht nur ein Schauspieler und Rollenerfinder, sondern auch ein Perspektiven-Jongleur. Wie im Kubismus, wo sich die Gegenstände aufgefaltet zeigen, verzerrt, spiegelt und erfindet er die Realität als absurdes Performance-Mosaik. So zeigt das aus 550 Einzelaufnahmen entstandene Börsen-Panorama einen Ort, den es gar nicht gibt. Er existiert nur als Traum-Theater, in dem die Figuren wie Gespenster einer multiplen Fantasie ein rätselhaftes Eigenleben führen.

Schon als Studienanfänger ging Liebscher an der Frankfurter Städelschule dem hohen Ernst der Kunst verloren. Sein erster Dozent hieß Martin Kippenberger. Die Klasse erstellte eine Mappe mit Holzschnitten, die auch prompt verkauft wurden. „Jeder Student bekam 1000 Mark mit der Auflage, 500 davon in die Spielbank zu tragen. Wer am meisten gewann, wurde mit einer Ausstellung belohnt“, erinnert er sich. Seine Ich-Versionen nehmen denn auch ein Motiv Kippenbergers auf. Der hatte sich kurz vor seinem Tod in der Pose des Schiffbrüchigen gemalt und dabei Gericaults „Floß der Medusa“ als Figuren-Vorlage einverleibt.

Mit der Kunstgeschichte hat Martin Liebscher sich nie „richtig“ beschäftigt, sagt er. Als er 1994 zum ersten Mal sein Ich per Bildmontage duplizierte, war das nicht mehr als ein Jux. Später fotografierte er sich im Death Valley und in amerikanischen Vergnügungsparks und hielt solche „Familienbilder“ für eine besonders raffinierte Art, Urlaubsfotos interessanter zu machen. Zumal Marcel Duchamps etwas ähnliches mit den Mitteln der Fotomontage bereits 1917 durchexerziert hatte. Ein französischer Foto- Pionier namens Verotier ließ seinen Apparat sogar 1873 über den Dächern von Paris um die eigene Achse rotieren und stellte sich immer wieder ins Bild, so dass er mehrfach zu sehen ist..

Im Grunde ist Liebscher ein Traditionalist. Nicht nur nimmt er jede Pose mit Selbstauslöser am Originalschauplatz auf (die Fotos werden nachher am Computer ineinander geschnitten), er erschüttert auch unsere Hoffnung auf Einmaligkeit nur, um sie wieder herzustellen. Denn seine Gruppenbilder sind Individuationsmanifeste. Sie sagen: Ich ist ein anderer, und noch einer.

„Full House“, bis 17. Januar, Wohnmaschine (Tucholskystr. 35, Mitte), Di-Sa 11-14 Uhr.

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