Kultur : Alles so schön bunt!

Die „Weiße Moderne“ ist eine Legende: Das Berliner Bauhaus-Archiv zeigt, wie die Gebäude der Zwanzigerjahre aussahen

Bernhard Schulz

Oskar Schlemmers Gemälde „Bauhaustreppe“ von 1932 gehört zu den Inkunabeln der klassisch gewordenen Moderne. Figuren schreiten eine Treppe hinauf, die leicht als das berühmte Treppenhaus des Dessauer Bauhauses zu erkennen ist. Das Gemälde, entstanden zu einer Zeit, da die von den Nazis als „kulturbolschewistisch“ verfemte Lehranstalt namens „Bauhaus“ bereits ihrem Ende entgegentaumelte, gehört zu den Kostbarkeiten des New Yorker Museum of Modern Art, wo es stets auf weißer Wand gezeigt wurde. Weiß ist die Farbe oder besser Nicht-Farbe der Moderne, weiß sind ihre Häuser, weiß war die Mustersiedlung auf dem Stuttgarter Weißenhof von 1927.

Nur scheint niemandem aufgefallen zu sein, dass die Treppe auf Schlemmers Gemälde nicht weiß ist, sondern blau. War das nur die künstlerische Freiheit, um einen Kontrast zum Rot der Jacke der zentralen Bildfigur zu erzeugen?

Das Bauhaus-Treppenhaus war tatsächlich niemals blau; seine Wände waren weiß. Das ganze Dessauer Bauhaus, Ende 1926 eingeweiht und als Programmbau einer künftigen Lebensgestaltung konzipiert, war weiß mit grauen und schwarzen Kontrasten. Und die vier Meisterhäuser, in denen Bauhaus-Direktor Walter Gropius sowie – in drei Doppelhäusern – sechs der künstlerischen Lehrer unweit der Lehranstalt wohnten, waren gleichfalls weiß – und kubisch, wie für die Moderne kennzeichnend.

Indessen: Ganz so war es nicht. Die Bauhaus-Moderne war erstaunlich farbig. Und die Bauhäusler experimentierten ausgiebig mit Farbe. Immerhin führte das Bauhaus eine „Werkstatt für Wandmalerei“. Hinnerk Scheper, ihr Leiter ab 1925, lieferte detaillierte Entwürfe für die farbige Gestaltung des Dessauer Neubaus; zur Ausführung indessen kam nur eine abgeschwächte Version.

Einmal mehr ist zu konstatieren, wie sehr die Bauhaus-Rezeption die Sicht auf dessen Wirklichkeit verstellt hat. Die Schwarzweiß-Fotografie der Zwanzigerjahre, von Bauhaus-Direktor Walter Gropius geschickt als Werbemittel eingesetzt, hat die Vorstellung von der Bauhaus-Architektur geprägt – und verengt. Kaum oder gar nicht überliefert sind die Interieurs; und wenn doch, so lassen die Grauwerte der Fotografien allenfalls Ahnungen der einstigen Farbigkeit zu.

Dieses Bild der reinweißen Bauhaus-Moderne ist in den vergangenen Jahren erheblich ins Wanken geraten. Manche Puzzle-Stücke lagen bereit. Von Oskar Schlemmer, dem Maler der „Bauhaustreppe“, sind zahlreiche farbige Wandgestaltungen bekannt. So diejenige im Essener Folkwang-Museum, wo in einem Rundsaal neun Tafeln angeordnet waren, ab 1929 in drei aufeinanderfolgenden Zyklen, deren letzter von den Nazis 1937 als „entartet“ zerstört wurde.

Zumindest der erste Zyklus ist aufgrund der sieben erhaltenen Leinwände auch farblich dokumentiert. Wie der Essener Raum aussah, ist in einem wunderbaren Modell zu erkennen, das zu den Glanzstücken der am Wochenende eröffneten Ausstellung des Berliner Bauhaus-Archivs zählt. Unter dem Titel „Farbenfroh! Die Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus“ fasst sie die Forschungen jüngerer Zeit zusammen, die nach dem Untergang der DDR eine umfassende Untersuchung und Wiederherstellung insbesondere der Dessauer Bauhausbauten unternommen haben. Frühere Versuche, der Bauhaus-Farbigkeit auf die Spur zu kommen, hatte es bereits zu DDR-Zeiten im ersten, Weimarer, Domizil der Lehranstalt gegeben, das als Großherzogliche Kunsthochschule vom Jugendstil-Architekten Henry van de Velde entworfen worden war und dem Bauhaus lediglich begrenzte Eingriffe ermöglichte.

Einer dieser Eingriffe war die farbkräftige Gestaltung einer Hofdurchfahrt, durch die die Besucher zu der als Leistungsschau gedachten Bauhaus-Ausstellung von 1923 gelangten. Der Durchgang, in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau gehalten und durch Grau und Schwarz akzentuiert, schockierte das konservative Weimar. In der Berliner Ausstellung rekonstruiert, dient er hier als Eingang zu der breitgefächerten Ausstellung – ein Farbakkord, mit dem das Bild der „weißen Moderne“ schon zum Auftakt widerlegt werden soll.

Farbig, ja geradezu bunt geht es dann auch weiter; denn die Ausstellung beschränkt sich nicht auf die Ergebnisse der Wandmalerei-Werkstatt, sondern gibt eine umfassende Einführung – zum einen in die am Bauhaus gelehrten Farbtheorien, unter denen erstaunlicherweise die eher poetische denn naturwissenschaftliche von Goethe den ersten Rang beanspruchte. Zum anderen kommt das damals hoch qualifizierte Malerhandwerk zu neuen Ehren. Auf und an Baugerüsten werden zahllose Utensilien vorgeführt, vor allem die Pigmente und Bindemittel, sodann die Ergebnisse, die je nach Zusammensetzung des Malmaterials sowie der Zahl der aufgebrachten Malschichten zu höchst vielfältigen Ergebnissen führen konnten. Diese Variationsbreite ist es, die Annahmen zum Urzustand farbig gefasster Bauhaus-Räume so problematisch macht, weil sich definitive Erkenntnisse zum damaligen Aussehen aus den Befunden kaum gewinnen lassen.

Wie farbig die Bauhäusler tatsächlich gearbeitet haben, zeigt ein Besuch der in den vergangenen Jahren sorgfältig restaurierten, ja überhaupt wiedererstandenen beiden Meisterhäuser Klee/Kandinsky und Muche/Schlemmer in Dessau.Sie sind in der Ausstellung gleichfalls als Modelle vertreten; wie sich denn die Ausstellung überhaupt auf Modelle sowie auf die bislang eher unterschätzten Unterrichtsmaterialien beschränken muss, deren fallweise Realisierung durch späteres Übertünchen der so geschmückten Wände in Vergessenheit geriet.

Von „weißer Moderne“ ist bei den Meisterhäusern keine Spur. Wassily Kandinsky schreckte nicht einmal vor Gold und Silber zurück. Wie farbig er sich Wände denken konnte, zeigte die Gestaltung einer geplanten Eingangshalle, die 1922 bei der „Juryfreien Kunstschau“ in Berlin gezeigt wurde. Kandinsky fasste seine Empfindung beim Besuch reich geschmückter russischer Bauernhäuser in das Wort, „im Bilde zu leben“; und im Bauhaus-Archiv ist jetzt in einem weiteren Modell zumindest zu erahnen, wie Kandinsky dieses Jugenderlebnis in seine Formensprache zu übersetzen verstand.

Weiß war die Bauhaus-Moderne nicht. Sie war nicht einmal nur, wie es die Legende will, bestenfalls Rot, Gelb und Blau. Sie wollte, zumindest in ihren Anfangsjahren, Farbe ins Leben bringen. Erst zum Schluss gegen 1930, unter Ludwig Mies van der Rohe, geriet die Wandmalerei außer Mode. Mies setzte auf die Eigenfarbigkeit der von ihm bevorzugten Materialien. Und erst in der unausweichlichen Verflachung, die das Bauhaus wie alle Entwürfe einer umfassenden Lebensgestaltung erfahren musste, kam es zum simplen, alles übertünchenden Weiß.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, bis 12. September. Katalog 19,50 €.

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