Kultur : Alles unter Kontrolle

Christina Tilmann

In Leander Haußmanns DDR-Komödie „NVA“ gibt es unter den jungen Rekruten einen Streber, Drückeberger und Anschwärzer. Er wird von seinen Kameraden gepiesackt, gönnt sich heimlich abendliche Bäder im Heißwasserkessel – und heißt: Stadlmair. Eine Privatrache des Regisseurs Haußmann an einem Kritiker?

Nun hat der Schauspieler Thomas Lawinky, der vor einigen Wochen in Frankfurt einen Theater-Skandal auslöste, in dem er dem Kritiker S. den Notizblock entriss, der „Süddeutschen Zeitung“ gestanden, er habe während seiner NVA-Zeit unter dem Decknamen „Beckett“ als IM für die Staatssicherheit gearbeitet, Briefe abgefangen, Berichte geschrieben, Kameraden angeschwärzt. Lieber wollte er ein paar Dinge unter Kontrolle haben als selbst kontrolliert zu werden: „Eine Schande, mit der ich leben muss.“

Dazu passt, dass zur gleichen Zeit mit „Das Leben der Anderen“ ein Spielfilm ins Kino kommt, der von einem Stasi-Agenten handelt, der im Theatermilieu observiert und eine Schauspielerin als IM anwirbt. Und, dass Berlins Kultursenator Thomas Flierl derzeit so stark in der Kritik steht wie lange nicht mehr, weil er bei einer Diskussion der Agitation ehemaliger Stasi-Mitarbeiter nicht entschieden genug entgegengetreten ist. Und weil er sich weigert, sich den zu Recht gekränkten Opfern gegenüber uneingeschränkt zu entschuldigen.

Lawinkys Geständnis, sechzehn Jahre nach dem Fall der Mauer, kommt nicht von ungefähr. Die Folgen jener Frankfurter Theateraffäre, Krisensitzung im Schauspielhaus, Selbstkritik, Schuldeingeständnis, Trennung – all das kommt dem Ex-Informanten bekannt vor, und er sieht sich als Opfer, nicht als Täter: „Ich habe sofort begriffen, was los war.“ Verharmlosung wird hingegen den Regisseuren Haußmann und Henckel von Donnersmarck vorgeworfen: dem einen, weil er die NVA zur Klamotte macht, dem anderen, weil er den Spitzel als guten Menschen enden lässt. Und Thomas Flierl muss sich im Abgeordnetenhaus rechtfertigen, weil er die Stasi-Entschuldiger unwidersprochen gewähren ließ.

Das alles mag Zufall sein, Zufall, dass es gerade jetzt passiert, und alles zur gleichen Zeit. Doch dass sich Menschen heute noch an die DDR erinnert fühlen, an Überwachungsmethoden und Tribunale, an Duckmäusertum und verlogene Diskussionen: Das ist Realität, sechzehn Jahre nach der Vereinigung.

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